1899 - 1999
Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf aus Anlaß des 100. Jahrestages ihrer Gründung zum 1. Oktober 1899

 

Von der "stillen Liebesthätigkeit" bis zur feministischen Theologie
Streiflichter aus der Frauenarbeit in 100 Jahren Evangelische Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf

von Barbara Horn

 

Das "Stille" der "Liebesthätigkeit" macht sich gleich dadurch bemerkbar, daß es kaum Unterlagen über die Arbeit der Frauen und mit den Frauen unserer Kirchengemeinde gibt. Trotzdem will ich es wagen, aus dem Wenigen ein Bild zu zeichnen. Die kirchliche Frauenarbeit baute ebenso wie die Kirchengemeinde auf bestehende Bemühungen auf. Die Ursprünge sind also älter als 100 Jahre.
Der Bau der gewaltigen Großfestung Koblenz hat viele Menschen nach Koblenz und die rechtsrheinischen Gemeinden gelockt, und nach einigen Jahren der Verdienstmöglichkeit gerieten viele der Arbeiter und ihrer Familien in Not. Das veranlaßte "edelmüthig" denkende Frauen und Jungfrauen beider Konfessionen, sich zusammenzutun und gemäß dem Evangelium, "dieser Noth zu steuern", indem sie durch Geldsammlungen und den Verkauf von "weiblichen Arbeiten", worunter Handarbeiten zu verstehen sind, arme Familien unterstützten.
Der Wunsch nach einem rein evangelischen Verein wuchs mit der Zahl der aus Preußen zuziehenden Beamten. 1834 wurde der erste evangelische "Frauenhülfsverein" in Koblenz gegründet, der in der Folgezeit auch durch allerhöchste Unterstützung durch die Kaiserin Augusta übergreifend auf die rechte Rheinseite erfolgreich tätig war.
1899, im Gründungsjahr unserer Gemeinde, schloß die Kaiserin Auguste Viktoria die überall im Reich segensreich wirkenden Frauenvereine im "Evangelisch-Kirchlichen-Hülfsverein" zusammen, und schon 1901 wurde in der jungen Gemeinde Pfaffendorf eine Evangelische "Frauenhülfe" gegründet und mit einem Startkapital der Koblenzer "Frauenhülfe" von 3000 Mark ausgestattet. Mit Sicherheit bestand ein Frauenverein bereits in Ehrenbreitstein. Nach der Pensionierung des Gatten zogen Herr und Frau Pfarrer D. Link nach Pfaffendorf und die schon in der Koblenzer Frauenhilfe bewährte Frau Link übernahm die Leitung bzw. Kassenführung bis 1911.
In den ersten Jahresberichten Anfang des Jahrhunderts sind sowohl Frauenhilfe wie auch Frauenverein genannt, möglicherweise sind sie identisch. Jedenfalls sorgten sie für einen Teil der Kosten für die Gemeindeschwester. Sie unterstützten arme evangelische Familien, nahmen sich aber auch ganz persönlich bedürftiger Menschen an.
Die Damen selber, unter ihrer Leitung aber auch Konfirmandinnen, sammelten Geldspenden in der Gemeinde. Höhepunkte waren die Gemeindefeste zu Weihnachten mit Bazar und einem "Grabbelsack", der zur Hebung der Stimmung beitrug.
Es wurden neu angefertigte und gebrauchte Kleidungsstücke, Spielzeug, Bücher und Lebensmittel gesammelt. Der Kirchenchor gab beispielsweise ein gemeinnütziges Konzert, und durch großzügige Spenden von Gemeindegliedern war es möglich, den Armen der Gemeinde zu helfen. Eine Dame aus Horchheim vermachte dem Frauenverein eine Erbschaft von 500 Mark, womit eine Stiftung ins Leben gerufen wurde.
Ebenso aktiv war der Frauenmissionsverein, der durch den Verkauf von selbst hergestellten Handarbeiten beträchtliche Summen Geldes zusammen brachte, die dann an die Innere und Äußere Mission gingen.
Ein Beispiel: 1911 wurde die Summe von 733 Mark aufgeteilt und floß an verschiedene Missionsgesellschaften, außerdem sandte man Kisten mit Sachspenden an die Seemannsmission.
Die Frauenvereine arbeiteten eng mit der Diakonie zusammen. Gemeinsam konnte man auch Erholungsaufenthalte für arme, schwächliche Kinder mitfinanzieren. Immer wieder wird über die Ferienkolonie in Nastätten berichtet, aus der die Kinder gekräftigt heimkehrten. Sowohl in Friedens- wie auch in den Kriegsjahren wurden sogar Kuraufenthalte für Kinder in den Solbädern Bad Orb oder Bad Kreuznach ermöglicht, und eine ganz modern scheinende Erholungsmöglichkeit wurde ebenfalls genutzt: Ferien auf dem Bauernhof! Die Kinder, die zuhause bleiben mußten, erhielten Milchspenden. Zwischen 1909 und 1911 mußte die Gemeinde die Gemeindeschwester entbehren: Dies war eine Feuerprobe für den Frauenverein, die er glänzend bestand, wie es anerkennend heißt.
Die von der Kaiserswerther Schwesternschaft entsandte Gemeindeschwester war eng mit der Frauenarbeit verbunden. Über die neue Schwester Ottilie Otto heißt es: "Sie führte die Arbeit ihrer Vorgängerin in der Armen- und Krankenpflege fort, unterstützt durch die Frauenvereine, aber den "Martaverein" konnte sie nicht mehr zum Leben erwecken." Der "Martaverein" war offensichtlich eine gesellige Zusammenkunft junger Mädchen, und über dessen Verlust klagt Pfarrer Lohmann in seinem Gemeindebericht von 1912.
Aber ansonsten wurde unter Anleitung von Schwester Ottilie, bald ersetzt durch Schwester Johanne, enorm viel gestrickt in der Strickschule, es gab in Horchheim einen neuen, sehr regen "Frauennähverein". Im Frauenverein und erst recht im Frauenmissionsverein wurde ja eifrig gehandarbeitet.
Ob man in all diesen Frauenvereinen immer wieder die gleichen Damen antraf oder ob man in Konkurrenz miteinander wetteiferte?
Die Arbeit des Frauenmissionsvereins, der sich zweimal monatlich traf, wurde durch den Einfluß des Krieges, wie es heißt, gänzlich gelähmt. So wandelte er sich schon 1914 aufgrund anderer Bedürfnisse vorübergehend in die "Frauenversammlung für Kriegsarbeit", traf sich nun zweimal wöchentlich und sandte Liebesgaben ins Feld.
Der Frauenverein und der Frauenmissionsverein unterhielten Kontakte mit dem Waisenhaus in Wolf an der Mosel, wo man sich um dort untergebrachte Ehrenbreitsteiner Kinder kümmerte und sie unterstützte.
Im Kriegsjahr 1916 wird erstaunlich viel Erfreuliches über die Hilfstätigkeit der Frauenvereine berichtet: 1400 Mark für arme Familien, 700 Mark für die Kindererholung.
Nun "begehrte auch der Gustav-Adolf- Verein eine Pflegestätte in unserer Gemeinde". Um einer Zersplitterung vorzubeugen, soll er dem Missionsverein einverleibt werden, und so heißt es weiter im "Evangelischen Sonntagsblatt für Coblenz": ".... dazu aber bedarf es einer noch regeren Teilnahme der Frauen und Jungfrauen aller Stände, damit für all die wichtigen Zwecke wirklich etwas Tüchtiges geleistet werden kann und, nicht zu vergessen, damit der Verein noch seine andere schöne Aufgabe in erhöhtem Maße zu erfüllen vermag, eine Pflegestätte echt evangelischen Gemeindegeistes zu sein. Es war von jeher in jeder Vereinsstunde für die Mitglieder und den leitenden Pfarrer eine große Freude, Beschauliches und Erbauliches miteinander zu lesen und zu betrachten, über allgemein-kirchliche und vaterländische Fragen oder über Gemeindeangelegenheiten zu sprechen und so den Gesichtskreis zu weiten und das Herz zu erwärmen für das Große und Gute, was die Vergangenheit uns geschenkt hat und was wir für die Zukunft noch schaffen sollen im engeren und weiteren Kreise. Welch prächtige Gelegenheit für den weiblichen Teil unserer Gemeinde, einander näherzutreten in wachsendem Sichverstehen und Sichachten, in fröhlichem Wettelfer bei gemeinsamer Arbeit!
Um nun allen, denen es ihre häuslichen Pflichten erlauben, zweimal im Monat sich solch eine Stunde geistiger Erfrischung zu gönnen, die Möglichkeit der Teilnahme zu geben, wird keine andere Anforderung an den Geldbeutel gestellt, als 1 Mark Jahresbeitrag und ein kleines Opfer in die Vereinsbüchse."
Zweimal im Monat sollte man sich im Gemeindesaal treffen, "jedes Mitglied handarbeite nach Belieben zum Besten der Vereinszwecke", und dieser Aufruf war so erfolgreich, daß es im kleinen Gemeindesaal zu eng wurde. Besser als in diesem Aufruf im Jahre 1916 kann man den Geist und die Arbeitsweise der Zeit nicht wiedergeben!
Im Inflationsjahr 1923, Schwester Anna ist schon "eifrig und fröhlich" bei der Arbeit, konnte die Hilfe durch die Frauenvereine nicht in Zahlen wiedergegeben werden wegen des sich ständig ändernden Geldwertes. Es gab viel Not zu lindern; nun auch in den Kreisen derer, die früher die Gebenden gewesen waren. 1924 wird wieder von einer Verwendung von insgesamt 1971 Mark berichtet. Offensichtlich steht die Gemeinde nicht zu schlecht da, denn 1927 wird über "lächerlich geringe Spenden bei gleichzeitigem Wohlstand" geklagt und Paketspenden erwähnt, die nach Amerika ausgewanderte, ehemalige Gemeindeglieder geschickt haben.
1932 war die Pfarrstelle vakant, und Schwester Anna erwies sich als eine Gemeindemutter von aufopfernder Treue. Sie hielt tapfer all die Frauenstunden und mit Hilfe der Frauen und Kinder konnte das Gemeindeleben aufrecht erhalten werden. Der Frauenverein mußte seine Kräfte aufs äußerste anspannen, um wenigstens die dringendsten Nöte lindern zu können, dabei stand ihm der Missions- und Gustav-Adolf-Verein zur Seite, der ihm einen Teil seiner Einnahmen überließ.
Nun, 1932, wird schon vom deutsch-protestantischen Gemeinschaftsgefühl gesprochen, und kaum hat das Dritte Reich begonnen, werden der Frauenverein sowie der Frauenmissions- und Gustav-Adolf-Verein aufgelöst. Durch ein Sammlungs- und Unterstützungsverbot ist ihnen die Grundlage ihrer Arbeit genommen. Zunächst werden die Vereine und ihre Gelder mit der Frauenhilfe als "allein daseinsberechtigtem Frauenwerk im Dritten Reich" verschmolzen, aber die findet sich alsbald im "Evangelischen Frauendienst" wieder.
Hilfe leisten darf nur noch das "Winterhilfswerk". Die Evangelische Reichsfrauenhilfe hatte dem Kirchenregiment gegenüber eine widersetzliche Haltung gezeigt: Sie bestand auf ihrer Selbständigkeit. So wurden die Frauenhilfen und Frauenvereine in den auf dem Boden der Reichskirchenregierung stehenden Frauendienst überführt, sofern sie sich nicht widersetzten, was sie anscheinend in Koblenz nicht taten, aber in einigen Gemeinden im Kirchenkreis Koblenz, in Andernach beispielsweise.
Aus dieser Zeit ist mir nicht mehr bekannt geworden, als daß Schwester Anna die Frauenstunden hielt, vielleicht mit Handarbeit oder ausschließlich mit Bibelarbeit. In vielen Frauenstunden evangelischer Gemeinden sollte nicht gehandarbeitet werden, um die Möglichkeit konspirativer Gespräche zu unterbinden!
Nach dem Kriege gab es wieder eine Pfaffendorfer Frauenhilfe, allerdings wurde sie 1962 aus dem Vereinsregister gelöscht. Wie sie tätig wurde, darüber gibt es keine Unterlagen, aber daß Schwester Anna half, wo sie konnte, oder Hilfe vermittelte, davon können Zeitzeugen noch berichten. Und von schönen gemeinsamen Ausflügen wird heute noch geschwärmt! 1952 war es Schwester Anna, die in Arenberg einen Frauenkreis gründen half, der sich später der Rheinischen Frauenhilfe anschloß.
Über die Frauenarbeit der Gemeinde Pfaffendorf nach dem 2. Weltkrieg ist schriftlich kaum etwas zu finden. Was sagt das aus?
Die Armenfürsorge ging schon im Dritten Reich an staatliche Stellen. Die Bundesrepublik wurde erfreulicherweise ein moderner Sozialstaat. Selbst eine Gemeindeschwester, wie man sie früher kannte mit Diakonissenhaube und auf dem Fahrrad, gibt es schon lange nicht mehr, denn Rheinland-Pfalz war eine Vorreiterin in Sachen Sozialstation!
Was tun die Frauen in unserer Gemeinde heute?
Da sind die Frauengesprächskreise in vielfältiger Form, viele bestehen schon sehr lange. Es wird auch noch gebastelt oder gehandarbeitet, was sehr gemeinschaftsfördernd ist. Meist aber handelt es sich inhaltlich um Erwachsenenbildung. Fragen des Glaubens und des Lebens in christlicher Verantwortung sind die Schwerpunkte. Wichtig ist den Frauen auch die Standortbestimmung weiblicher Identität, wobei die Beschäftigung mit feministischer Theologie eine Rolle spielt. Immer wieder unterstützen sie Hilfsprojekte, von der Kindernothilfe bis zu SOLWODI.
Die Frauenhilfe in Arenberg ist ein Kreis sehr aufgeschlossener älterer Damen, dem auch Frauen aus anderen Bezirken und der jüngeren Generation angehören. Über die Vereinsstruktur der Frauenhilfe werden diakonische Einrichtungen unterhalten wie Müttergenesungsheime u.a. Durch diese Vernetzung wird die Aufmerksamkeit auch auf besondere Notsituationen von Frauen gelenkt. Ein Beispiel: 1993 hat die Frauenhilfe mit der Arbeitsgemeinschaft der Koblenzer Frauenverbände einen Protestmarsch durch Koblenz gegen die Greueltaten in Bosnien organisiert, viele Frauen unserer Gemeinde waren dabei. Pakete für Bedürfnisse von Frauen in Gefangenenlagern wurden verschickt.
Sowohl die Frauen der Frauenhilfe wie auch all die anderen Frauen, die sich in der Gemeinde treffen, sind diejenigen, die dem Ruf nach helfender Beteiligung, seien es Gemeindefeste, Gottesdienste, Besuchsdienst etc., immer nachkommen. Im Presbyterium ist die Frauenquote kein Thema, Frauen sind in unserer Gemeinde auf allen Ebenen anzutreffen.
Seit mehr als 10 Jahren feiern die Frauen auch den Weltgebetstagsgottesdienst, inzwischen auch ganz eigenständig. Es sind besonders interessant gestaltete, ökumenische Gottesdienste, unterschiedlich in den einzelnen Bezirken.
Muß ich noch ausdrücklich erwähnen, daß die Gottesdienstbesucher mehrheitlich Frauen sind? Und das war schon vor 100 Jahren so!

 

 

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