1899 - 1999
Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf aus Anlaß des 100. Jahrestages ihrer Gründung zum 1. Oktober 1899

 

Von Paten, Partnern und Gemeinden
Vom Wachsen und Werden der Partnerschaft Koblenz - Golßen

von Siegfried Arndt

 

Liefe alles immer glatt, wäre manches weniger erinnerungsträchtig. So geschah es im Frühjahr 1990. Raumgreifende Veränderungen hatten sich ereignet. Die Mauer war weg. Für uns hieß das: Wir können fahren, zum Chortreffen nach Koblenz zum Beispiel. Das war etwas, schon lange von uns und unseren Freunden gewünscht. Es wurde verabredet und geplant. Himmelfahrt war ja "drüben" ein Feiertag, dann hatten dort alle frei und Zeit. Bei uns wurden freie Tage reserviert, vor- und nachgearbeitet, Urlaubstage abgezweigt. Dann aber fuhren wir los. Natürlich erwarteten wir, auf dem Bahnhof in Koblenz empfangen zu werden. Aber - aber, wir standen dort, nicht abgeholt. Ein Anruf bei Pfarrer Göttges ließ Überraschung erahnen. Was war los? Wir waren einen Tag zu früh angereist. Die Vorbereitungsversammlung unserer Koblenzer Chorfreunde geriet unversehens zu einer Krisensitzung. Alsbald wurden wir abgeholt und in eine Pizzeria geführt. Von diesem Besuch schwärmen die Golßener noch heute.

Unsere Erinnerungen an Patengemeinden beginnen aber eher. Erste Erfahrungen mit deren Vorhandensein machte der DDR-Christ durch die West-Pakete. Der Pfarrer kam hierzulande durch die Wohltaten in eine mißliche Lage, denn er mußte mitverantworten, wem eine solche Bevorteilung zukam, und wer glaubte, ein Anrecht darauf zu haben, berücksichtigt zu werden. Wir konnten aber uns mit unseren Freunden darüber verständigen, daß diese Sendungen etwas mit "Sendung" zu tun haben und letztendlich mehr transportieren wollten als materielle Inhalte. Uns ging es auch um inneres Wachstum und um geistliche Gemeinschaft. Ich denke gern daran, daß uns letzteres als Koblenzer und Golßener gut gelungen war. Zunächst war patenschaftlicher Umgang ziemlich einseitig von West nach Ost. Dafür wurde er aber auf unserer Seite argwöhnisch beobachtet und von den Sicherheitsorganen kontrolliert. Langsam kamen Besuche zustande. Erst einzeln, dann auch in Gruppen. Für Leute, die gewöhnt waren, in Europa unbehelligt herumzureisen, war es immer wieder eine aufregende Sache, in Richtung Osten zu fahren und nie zu wissen, was einem alles beim Grenzübertritt widerfahren kann. Für uns war indes der Besuch nicht weniger aufregend. Es mußte vorgearbeitet oder Urlaub genommen werden. Vorräte wurden gesammelt und gespeichert. Unsere Gemeindeglieder wollten für ihre Gäste da sein, und es sollte an nichts fehlen. Mindestens sechs Wochen vor dem Besuchstermin hatten wir Anträge zu stellen für Personen aus dem NSA (nicht sozialistischen Ausland). Das bange Warten wurde beim näherkommenden Besuchstermin bang und bänger. Dann klappte doch alles wider Erwarten gut, was auch schon fast wieder verdächtig war.

Dann aber kamen sie - meist spät in der Nacht, mit großen Autos gemessen am Trabant. Der Duft der großen weiten Welt stieg aus dem geöffneten Kofferraum, mit manchen gerade noch grenztransportfähigen Dingen für Kirche und Gemeinde. Auch für den persönlichen Verbrauch war immer etwas dabei. So lernten wir zum Beispiel den Moselwein schätzen. Wir lernten aber auch, daß unsere Gäste ein anderes, tageszeitversetztes Stehvermögen hatten als wir. Während wir um 23.00 Uhr oft nur deshalb noch vor dem Fernseher saßen, weil wir zu müde zum Aufstehen waren, wurden unsere Freunde um diese Zeit noch einmal richtig munter. Schlimm, wenn es dann in ganz Golßen kein Bier gab. Dessen ungeachtet waren die Besuche immer erlebnisreich und harmonisch. Wir hatten auch bei der Quartiersuche in unserer Gemeinde kaum Engpässe. Chor-, Pfadfinder-, Gemeinde- und Presbyteriumstreffen haben das Gemeindeleben sowie das persönliche Leben bereichert.
Das, was die Politiker hüben wie drüben längst für erledigt hielten, nämlich, daß es praktizierte und gelebte Zusammengehörigkeit gibt, fand hier einfach statt.
So wurden aus Paten Partner. So geschah es auch, daß am Heiligen Abend 1993 während des Rheinhochwassers in der Christvesper eine Kollekte aufgerufen wurde. Wir konnten der Koblenzer Gemeinde 4000,00 DM überreichen. Für uns war das damals viel Geld.

Die Wende kam - unerwartet. Sie brachte auch für die Kirche und für das Leben eines Christen, für sein Selbstverständnis, inmitten einer ganz anders organisierten Gesellschaft andere und neue Herausforderungen.
Nicht nur der Bundeswehr fehlte plötzlich der Feind. Auch uns war der ideologische Gegner abhanden gekommen. Was wir bisher in der DDR sagten und taten war bemerkenswert, wurde auch abgehört. In der pluralistischen Gesellschaft kann man alles in den Wind reden. Auf dem grellen Markt vielfacher Lebensentwürfe und Angebote scheinen wir kaum mithalten zu können. Erstaunt und befremdet sind wir auch von der hierzulande wahrnehmbaren Feindseligkeit von Öffentlichkeit und Presse. Wir machen die Erfahrung, daß Glaube auch in dieser Gesellschaft spannend ist und bleibt.
Vergewisserung geschieht dort, wo Menschen ähnlicher Grundüberzeugung zusammenstehen. In den 25 Jahren meines Dienstes in Golßen sind viele Freundschaften entstanden, die anhalten und keiner äußeren Organisation mehr bedürfen. So sei allen herzlich gedankt, die über Jahrzehnte Freundschaft angeboten, gehalten, angenommen und weitergeführt haben.
Ein Jubiläum lädt ein zum Rückblick auf das, was gewesen und gewachsen ist. Es mag sich aber auch im Wünschen und Wollen der Zukunft zuwenden. Wichtig ist, daß unsere Partnerschaft bis in das nächste Jahrhundert reicht, auch wenn andere weiterführen, was erstere begannen.
Wenn Freunde erinnern, daß sie sich brauchen, ohne sich nicht sein wollen, dann mag das eine christliche Tugend sein. Um diese aber bitte ich Euch und Gott.

 

 

 

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