Liefe alles immer glatt,
wäre manches weniger erinnerungsträchtig. So geschah es im Frühjahr
1990. Raumgreifende Veränderungen hatten sich ereignet. Die Mauer war
weg. Für uns hieß das: Wir können fahren, zum Chortreffen nach Koblenz
zum Beispiel. Das war etwas, schon lange von uns und unseren Freunden
gewünscht. Es wurde verabredet und geplant. Himmelfahrt war ja
"drüben" ein Feiertag, dann hatten dort alle frei und Zeit. Bei uns
wurden freie Tage reserviert, vor- und nachgearbeitet, Urlaubstage
abgezweigt. Dann aber fuhren wir los. Natürlich erwarteten wir, auf
dem Bahnhof in Koblenz empfangen zu werden. Aber - aber, wir standen
dort, nicht abgeholt. Ein Anruf bei Pfarrer Göttges ließ Überraschung
erahnen. Was war los? Wir waren einen Tag zu früh angereist. Die
Vorbereitungsversammlung unserer Koblenzer Chorfreunde geriet
unversehens zu einer Krisensitzung. Alsbald wurden wir abgeholt und in
eine Pizzeria geführt. Von diesem Besuch schwärmen die Golßener noch
heute.
Unsere Erinnerungen an Patengemeinden beginnen aber eher. Erste
Erfahrungen mit deren Vorhandensein machte der DDR-Christ durch die
West-Pakete. Der Pfarrer kam hierzulande durch die Wohltaten in eine
mißliche Lage, denn er mußte mitverantworten, wem eine solche
Bevorteilung zukam, und wer glaubte, ein Anrecht darauf zu haben,
berücksichtigt zu werden. Wir konnten aber uns mit unseren Freunden
darüber verständigen, daß diese Sendungen etwas mit "Sendung" zu tun
haben und letztendlich mehr transportieren wollten als materielle
Inhalte. Uns ging es auch um inneres Wachstum und um geistliche
Gemeinschaft. Ich denke gern daran, daß uns letzteres als Koblenzer
und Golßener gut gelungen war. Zunächst war patenschaftlicher Umgang
ziemlich einseitig von West nach Ost. Dafür wurde er aber auf unserer
Seite argwöhnisch beobachtet und von den Sicherheitsorganen
kontrolliert. Langsam kamen Besuche zustande. Erst einzeln, dann auch
in Gruppen. Für Leute, die gewöhnt waren, in Europa unbehelligt
herumzureisen, war es immer wieder eine aufregende Sache, in Richtung
Osten zu fahren und nie zu wissen, was einem alles beim Grenzübertritt
widerfahren kann. Für uns war indes der Besuch nicht weniger
aufregend. Es mußte vorgearbeitet oder Urlaub genommen werden. Vorräte
wurden gesammelt und gespeichert. Unsere Gemeindeglieder wollten für
ihre Gäste da sein, und es sollte an nichts fehlen. Mindestens sechs
Wochen vor dem Besuchstermin hatten wir Anträge zu stellen für
Personen aus dem NSA (nicht sozialistischen Ausland). Das bange Warten
wurde beim näherkommenden Besuchstermin bang und bänger. Dann klappte
doch alles wider Erwarten gut, was auch schon fast wieder verdächtig
war.
Dann aber kamen sie - meist spät in der Nacht, mit großen Autos
gemessen am Trabant. Der Duft der großen weiten Welt stieg aus dem
geöffneten Kofferraum, mit manchen gerade noch grenztransportfähigen
Dingen für Kirche und Gemeinde. Auch für den persönlichen Verbrauch
war immer etwas dabei. So lernten wir zum Beispiel den Moselwein
schätzen. Wir lernten aber auch, daß unsere Gäste ein anderes,
tageszeitversetztes Stehvermögen hatten als wir. Während wir um 23.00
Uhr oft nur deshalb noch vor dem Fernseher saßen, weil wir zu müde zum
Aufstehen waren, wurden unsere Freunde um diese Zeit noch einmal
richtig munter. Schlimm, wenn es dann in ganz Golßen kein Bier gab.
Dessen ungeachtet waren die Besuche immer erlebnisreich und
harmonisch. Wir hatten auch bei der Quartiersuche in unserer Gemeinde
kaum Engpässe. Chor-, Pfadfinder-, Gemeinde- und Presbyteriumstreffen
haben das Gemeindeleben sowie das persönliche Leben bereichert.
Das, was die Politiker hüben wie drüben längst für erledigt hielten,
nämlich, daß es praktizierte und gelebte Zusammengehörigkeit gibt,
fand hier einfach statt.
So wurden aus Paten Partner. So geschah es auch, daß am Heiligen Abend
1993 während des Rheinhochwassers in der Christvesper eine Kollekte
aufgerufen wurde. Wir konnten der Koblenzer Gemeinde 4000,00 DM
überreichen. Für uns war das damals viel Geld.
Die Wende kam - unerwartet. Sie brachte auch für die Kirche und für
das Leben eines Christen, für sein Selbstverständnis, inmitten einer
ganz anders organisierten Gesellschaft andere und neue
Herausforderungen.
Nicht nur der Bundeswehr fehlte plötzlich der Feind. Auch uns war der
ideologische Gegner abhanden gekommen. Was wir bisher in der DDR
sagten und taten war bemerkenswert, wurde auch abgehört. In der
pluralistischen Gesellschaft kann man alles in den Wind reden. Auf dem
grellen Markt vielfacher Lebensentwürfe und Angebote scheinen wir kaum
mithalten zu können. Erstaunt und befremdet sind wir auch von der
hierzulande wahrnehmbaren Feindseligkeit von Öffentlichkeit und
Presse. Wir machen die Erfahrung, daß Glaube auch in dieser
Gesellschaft spannend ist und bleibt.
Vergewisserung geschieht dort, wo Menschen ähnlicher Grundüberzeugung
zusammenstehen. In den 25 Jahren meines Dienstes in Golßen sind viele
Freundschaften entstanden, die anhalten und keiner äußeren
Organisation mehr bedürfen. So sei allen herzlich gedankt, die über
Jahrzehnte Freundschaft angeboten, gehalten, angenommen und
weitergeführt haben.
Ein Jubiläum lädt ein zum Rückblick auf das, was gewesen und gewachsen
ist. Es mag sich aber auch im Wünschen und Wollen der Zukunft
zuwenden. Wichtig ist, daß unsere Partnerschaft bis in das nächste
Jahrhundert reicht, auch wenn andere weiterführen, was erstere
begannen.
Wenn Freunde erinnern, daß sie sich brauchen, ohne sich nicht sein
wollen, dann mag das eine christliche Tugend sein. Um diese aber bitte
ich Euch und Gott.
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