3.2. Einzelne Zeitabschnitte:
3.2.1. Kaiserzeit und 1. Weltkrieg (Pfaffendorf)
Während dieser Zeit spiegeln sich in den
Akten und der Schulchronik vor allem die speziellen Probleme der
evangelischen Schule wieder, aber auch die in dieser Zeit üblichen
Schulkonflikte.
Wie in einem Brennpunkt wurde dabei der Geist der Kaiserzeit, des 1.
Weltkrieges sowie der Weimarer Republik mit seiner düsteren
Entwicklung in die nationalsozialistische Zeit eingefangen.
Besonders interessant ist die Pfaffendorfer Schule, weil wir von
beiden Konfessionen detaillierte Aufzeichnungen haben, so daß die
unterschiedliche Haltung der beiden Konfessionen zur "Ökumene", den
schulischen Problemen, aber ganz besonders deutlich zu den politischen
Ereignissen dieser Zeit zum Ausdruck kommt, wobei den Unterschieden
der Persönlichkeiten der jeweils eintragenden Lehrer und Lehrerinnen
selbstverständlich Rechnung getragen werden muß.
Vergleicht man die Aufzeichnungen der evangelischen Schule in der
Kaiserzeit mit den Tagebüchern der katholischen Schule, so lassen sich
einige bedeutsame Unterschiede feststellen.
So wurde in dem Tagebuch für die katholische Schule der Einzug der
evangelischen Schule überhaupt nicht erwähnt. Die evangelische Schule
taucht in diesem Tagebuch fast nirgends auf.
Die enge Beziehung der evangelischen Kirche zum Herrscherhaus läßt die
patriotische Stimmung, aber auch die Probleme, die katholische Bürger
mit dem protestantischen Kaiserpaar haben, deutlich werden. Insgesamt
hat die evangelische Chronik einen ganz anderen Charakter. Sind die
katholischen Tagebücher eher tabellarisch, eine eher nüchterne
Wiedergabe der Ereignisse, wurde die Person des Lehrers Maurer durch
seine Aufzeichnungen fast lebendig. Er macht aus seiner patriotischen
Begeisterung, seiner Abneigung gegen die Liberalen keinen Hehl.
Auch wurden die Aufzeichnungen der katholischen Tagebücher
systematisch und regelmäßig eingetragen, so wurde Kaisers Geburtstag
am 27. Januar jedes Jahr erwähnt, während Lehrer Maurer gelegentlich
einen Geburtstag besonders erwähnt und diesen dann auch ausführlich
beschreibt. Selbstverständlich fanden die katholischen Feiertage und
entsprechend die evangelischen Feste nur in der eigenen Chronik bzw.
in den eigenen Tagebüchern eine besondere Erwähnung. Wir können hier
in dieser Pfaffendorfer Schule also sehr anschaulich die Trennung der
damaligen Gesellschaft durch die Konfessionen, verstärkt durch die
politische Situation in der damaligen Rheinprovinz, wie in einem
Brennglas beobachten.
Wenn wir jetzt zuerst das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen
in der Pfaffendorfer Schule untersuchen, dann können wir davon
ausgehen, daß dieses sicher schon durch die vorausgegangenen scharfen
Auseinandersetzungen um die Wiedereinführung der Konfessionsschule
stark belastet worden ist. Lehrer Maurer, der bereits seit 1877 als
evangelischer Lehrer in Ehrenbreitstein tätig war, hat diese
Auseinandersetzungen miterlebt. Er fühlte sich bereits vor Eröffnung
des neuen Schulgebäudes von den katholischen Lehrern sehr
benachteiligt:
"Am 1. November 1898 wurden die beiden Dienstwohnungen im neuen
Schulhause von den beiden katholischen Lehrern, H. Hauptlehrer Müller
u. H. Lehrer Schnitzler bezogen".
Trotz dreifachen rechtlichen Anspruchs auf eine Dienstwohnung (alleinstehend;
an Dienstjahren der Älteste u. Gesetz) wurden die Wünsche des
evangelischen Lehrers nicht berücksichtigt. Sie wurden trotz
Petitionen des Lehrers u. des evangelischen Schulvorstandes an
Regierung, Oberpräsident und Minister abgewiesen. Maurer: "Menschen
und Wind ändern sich geschwind".
Es war das Werk des fast ganz katholischen, ultramontanen
Gemeinderates. Um diese wohl als ungerecht empfundene Behandlung
einigermaßen auszugleichen, bewilligte der Gemeinderat dem
evangelischen Lehrer eine jährliche Mietzulage von 60 M. (Chronik der
ev. Schule Pfaffendorf)
Das Schullokal, die Gaststätte Henker, in dem die evangelische Schule
für die vier Jahre bis zum Einzug in das neue Schulgebäude
untergebracht war, war sicher nicht der ideale Ort für den
Schulunterricht. "Der Unterricht hatte öfters Störungen und
Unterbrechungen zu erleiden. Außerdem war beim Eintritt der Kälte das
Unterrichtslokal teils gar nicht, teils sehr mangelhaft geheizt, ja
längere Zeit war überhaupt kein Ofen vorhanden."
(Chronik Schuljahr 97)
Zwar gab es auch gemeinsame Unternehmungen mit der katholischen
Schule, wie zum Beispiel gemeinsame Ausflüge durch Ehrenbreitstein,
durch das Bienhorntal zum Kratzkopferhof, doch kehrten die
Evangelischen alleine ein und gingen den Heimweg auch allein.
Alle diese Streitereien trübten auch den Einzug in das neue Gebäude am
3. Januar 1899. So schreibt Lehrer Maurer in der Chronik:
"Am 3. Januar 1899 wurde das neue Schulhaus von den katholischen und
der evangelischen Klasse bezogen. Eine feierliche Übergabe, wie das
bei derartigen Gebäuden in der Regel zu sein pflegt, fand nicht statt.
Nicht einmal ein Mitglied der Gemeindevertretung oder des
Schulvorstandes war zugegen. So zogen wir in das neue Schulhaus ein -
wie in das alte - ohne Sang und Klang, ohne Rede und Lied. Nur das
Plätschern des unaufhörlich herabströmenden Regens war die eintönige
und wenig erfreuliche Musik. Welches war der Grund des stillen
Einzugs, des Fernbleibens, der Verstimmung?"
Die beiden Schulen, die katholische und evangelische, arbeiteten
strikt getrennt nebeneinander her im gemeinsamen Schulgebäude.
Evangelische Schule hieß: Ein Klassenraum für alle Schuljahre. Noch
heute erzählen ehemalige Schülerinnen und Schüler von den beiden
Treppen in dem 1899 fertiggestellten Schulhaus. Links war die
"evangelische" Treppe, rechts die "katholische". Der Schulraum für die
Evangelischen war zunächst der Saal links, der auf die Straße
hinaussah. Ab 1903 konnte Lehrer Maurer, wie er sich das immer
gewünscht hatte, in dem auf den Rhein zu gelegenen Schulraum
unterrichten. Jeder Unterricht war streng konfessionell,
selbstverständlich mußte für den Handarbeitsunterricht der Mädchen von
Anfang an eine evangelische Handarbeitslehrerin extra aus Koblenz nach
Pfaffendorf kommen (Chronik S.3). Die Einklassigkeit der Schule
brachte immer wieder Probleme mit sich, u.a. mußte oft der
Halbtagsunterricht eingeführt werden, wenn die Schülerzahlen so stark
angewachsen waren, daß sie nicht in einem Raum unterrichtet werden
konnten. Auch die Zusammenarbeit mit den katholischen Lehrern geriet
nur langsam in die Vorstellungwelt der beiden Konfessionen. Zwei
Beispiele mögen diese Problematik illustrieren:
Eine längere Krankheit von Lehrer Maurer sowie die steigenden
Schülerzahlen bewirkten, daß sich Schulinspektor Pfarrer Lohmann im
Oktober 1903 um eine Hilfskraft für die Pfaffendorfer Schule bemühte.
Dr. Kley als Schulrat machte ganz deutlich, daß im Moment keine
Hilfskraft zur Verfügung stehe; daher müsse der Unterricht ausfallen.
"Sollte Maurer aber für längere Zeit dienstunfähig sein, so gebe ich
Ihnen zu erwägen anheim, ob Sie sich vielleicht dazu entschließen
möchten, der kgl. Regierung die Vorstellung zu unterbreiten, daß der
kath. Lehrer Drohse die Verwaltung der evangelischen Schulklasse mit
übernähme, was durch Einrichtung von Halbtagsunterricht möglich wäre.
Auch für Ehrenbreitstein würde unter den obwaltenden Umständen auf die
Einstellung einer Hilfskraft verzichtet werden müssen, selbst wenn die
Mittel hierzu bereit lägen."
(GA Pfaffendorf 34-4-2, 18.Okt.1903)
Ebenso stellte die Einführung des Turnunterrichts für Mädchen die
einklassige Pfaffendorfer Schule vor schier unlösbare Probleme. Eine
Anfrage des Schulinspektors Lohmann: "So wünschenswert die Einrichtung
des Turnunterrichts für Mädchen wäre, sehe ich z.Zt. keine
Möglichkeit, doch führte vielleicht ein gemeinsames Arbeiten mit den
Lehrkräften der katholischen Schule zum Ziele. K. Lohmann",
beantwortet der Kreisschulinspektor Dr. Kley dahingehend, daß zunächst
vom Turnunterricht an ein- und zweiklassigen Schulen abzusehen sei.
"Dem in dem Schlußsatze angeregten Gedanken werde ich nach Ablauf
meines Urlaubs nähertreten." (GA 34-4-2, 24. März 1905)
Im Jahre 1908 ist es aber schon möglich, daß die katholischen Kollegen
die Schulaufsicht übernehmen, weil der etwas anfällige ältere Lehrer
Maurer bei nassem und kaltem Wetter durch den Kreisschulinspektor
Herrn Hermans von der Schulaufsicht entbunden wurde. Dies ist auch ein
Hinweis darauf daß es in der evangelischen Schule Pfaffendorf - anders
als z.B. in Horchheim oder Ehrenbreitstein - nie "konfessionell
abgetrennte" Schulhöfe gab. (Chronik 1908)
Häufige Schwierigkeiten ergaben sich dadurch, daß Eltern fremder
Kinder, sogenannter Forensen, beantragten, in die evangelische Schule
zu Pfaffendorf gehen zu dürfen. Immer wieder wurde das aus
Kostengründen verweigert. Diese Kinder sollten auf die einheimischen
Schulen gehen, da in der Regel dort auch evangelischer
Religionsunterricht erteilt wurde. Ein besonders drastischer Fall möge
dieses illustrieren:
Der Provinzialsehulsekretär Kornau bemühte sich im März 1908 in einem
intensiven Briefwechsel, seinen Sohn Rudolf weiterhin auch das 4.
Schuljahr der evangelischen Schule in Pfaffendorf besuchen zu lassen.
Seine Argumente, die Jahresfahrkarte für die Elektrische verfalle, die
hohen Kosten für neue Bücher bei einem Wechsel, die Kontinuität des
Unterrichts vor dem Wechsel zu einer weiterführenden Schule in Koblenz
sowie der Hinweis, daß er das Schulgeld von 30 M jährlich bezahle,
überzeugten offensichtlich die kgl. Regierung, dem Gesuch trotz
mangelnder gesetzlicher Grundlage stattzugeben. "Die Unterstützung
durch den Landrat bitte ich doch in geneigte Erwähnung zu ziehen, ob
eine Ausnahme aus genannten Gründen nicht möglich ist" (GA 023-4, 21.
März 1908), hat sicher ein gutes Teil zu der Genehmigung beigetragen.
Ein kleines Licht auf das soziale Umfeld der evangelischen Schüler in
Pfaffendorf wirft der Aktenvorgang vom 22. November 1900 über das
häufige Fehlen der auswärtigen Schüler. Die königliche Regierung
schlägt vor, daß dem häufigen Fehlen der auswärtigen Schüler aufgrund
der schlechten Witterungsbedingungen entgegengetreten werden sollte
durch Anschaffung von Ersatzschuhzeug von Seiten der Elternschaft oder
der Gemeinde. Lehrer Maurer schickt die Anfrage mit dem Bemerken
zurück, daß die hiesige evangelische Schule nur von den auswärtigen
Kindern besucht werde, deren Eltern wohl in der Lage sind, für die
Beschaffung von Ersatzschuhzeug selbst zu sorgen. (GA 34-0)
Der Krieg brachte die beiden Konfessionen notgedrungen wieder stärker
zusammen. So konnte 1917/ 18 der Handarbeitsunterricht für die
evangelischen Schülerinnen von den katholischen Handarbeitslehrerinnen
gegeben werden. Auch das in den letzten Kriegstagen und ersten
Nachkriegswochen für die Schüler angeordnete Laubheusammeln (für die
Bauern als Heuersatz, Wegner) führten die katholischen und
evangelischen Kinder gemeinsam durch. Der Hinweis auf das gemeinsame
Sammeln von Eicheln, Kastanien, Messing, Stanniol u.a. von
evangelischen und katholischen Schülern fehlt in den katholischen
Tagebüchern.
Die schulischen Probleme in dieser Zeit werden einerseits deutlich in
den Aufzeichnungen des Lehrers Maurer, können aber indirekt auch aus
den Anordnungen der verschiedenen Aufsichtsbehörden (Lokal- und
Kreisschulinspektoren; Kgl. Regierung, Ministerium in Berlin) an die
Schule erschlossen werden.
Dabei gibt es Probleme, die sicher bis heute spezifisch für Schulen
sind, andere, die aus der damaligen Zeit entstanden sind. So wurde
Disziplin, Ordnung und Reinlichkeit immer wieder angemahnt. Die
Disziplin wurde zwar damals mit durchaus anderen Mitteln hergestellt
als heute, doch auch die körperliche Züchtigung mußte sich in genau
beschriebenen Grenzen halten.
"Überschreitungen oder unangemessene Anwendungen der dem Lehrer
zustehenden Befugnisse haben auf eine milde Beurteilung bei mir nicht
zu rechnen", so der Minister der geistlichen Unterrichts- und
Medizinalangelegenheiten in Berlin. (GA 34-4-2, 19. Januar 1900).
Um diesem Überschreiten Einhalt zu bieten, mußte eine Liste
angefertigt werden, in die der Lehrer nach jeder Stunde die vollzogene
Züchtigung eintragen mußte. Diese Lösung scheint aber nicht auf Dauer
effektiv gewesen zu sein, denn so heißt es 1919 in einem
Protestschreiben der Eltern von Horchheim über den Religionslehrer
Maurer:
"Wir Unterzeichneten fragen hiermit an, ob es nicht möglich wäre, den
Religionsunterricht durch eine geeignetere Kraft als der Herr Lehrer
Maurer ist, austeilen zu lassen. Nach allem Anschein scheint er ein
jähzorniger Mensch zu sein, denn blau unterlaufene Körperteile sind
bei den Kindern keine Seltenheit. Wir als Eltern der Kinder sind der
Ansicht, daß die Kinder genug geschlagen sind". Falls die Lehrer sich
nicht an die Vorschrift halten sollten, sollte ihnen das
Züchtigungsrecht aberkannt werden.
Das Züchtigungsrecht gibt es heute nicht mehr, aber die
Disziplinprobleme werden auch heute sicher nicht zur Zufriedenheit
aller gelöst.
Ein weiteres Problem war und ist die Reinlichkeit im Schulgebäude. Die
Voraussetzungen dafür sollten schulischerseits auf folgende Art und
Weise hergestellt werden: Fußkratzer bzw. Roste sollten die Schuhe
grob reinigen. Die Fußböden der Klassenräume sollten zweimal jährlich
mit heißem Öl oder Teer getränkt werden. Täglich sollten die Fußböden
mit Sägemehl oder Lohe naß ausgekehrt werden. Dabei durften ältere
Kinder auf keinen Fall herangezogen werden.
Äußere Sauberkeit war und ist Grundvoraussetzung für das Fernhalten
von Ungeziefer; Krankheiten und Seuchen. Zahlreiche Anordnungen zeigen
die Notwendigkeit, regelmäßige Revisionen des Kreisarztes und
Impfungen durchzuführen.
Stolz schreibt Lehrer Maurer das Ergebnis der Kreisarztrevision im
Schuljahr 1905 in die Schulchronik: "Am 22. Mai wurde die Schule einer
Revision durch den Kreisarzt auf Reinlichkeit unterworfen. Das
Resultat war ein günstiges. Kein Kind wurde mit unsauberem Kopf
gefunden, trotzdem wurden von 26 Mädchen nur 9 für ganz rein erklärt."
Schul- und Ferienzeiten sind bis heute immer wieder Gegenstand von
Diskussionen. Auch damals tauchten Probleme bei der Einteilung auf.
Der Schulunterricht fand normalerweise morgens zwischen 8 und 12 Uhr
vormittags und 2 und 4 Uhr nachmittags statt, nur der Mittwoch- und
Samstagnachmittag waren frei; dabei hatte die Oberklasse naturgemäß
mehr Unterricht als die Unterklasse, die Jahrgänge 1 und 2.
Auf Antrag konnten die Schulvorstände auch andere Zeiten bewilligen,
zum Beispiel morgens drei und nachmittags drei Stunden.
Bei den Ferien ging es vor allem darum, diese so zu gestalten, daß sie
nicht nur den Erfordernissen der zum großen Teil in der Landwirtschaft
mithelfenden Kinder gerecht wurden, sondern auch den schulischen
Erfordernissen Rechnung trugen. So sollten in manchen Landgemeinden
nicht 4 Wochen von den insgesamt 10 Wochen für die Ferien an den
Festtagen genommen werden, sondern nur drei Wochen (Weihnachten,
Ostern und Pfingsten zusammen 21 Tage), die restlichen 7 Wochen
durften für die Sommer- und Herbstferien genommen werden; in diese
Ferien durften die örtlichen Festtage aber nicht einbezogen werden.
Die Hauptferienwochen sollten regional möglichst gleich einsetzen. Es
mußten mindestens drei Ferienblöcke sein. Es mußte genügend
Zwischenraum dazwischen sein. Die Ferien durften nicht von den
Schulvorständen, sondern mußten vom Landrat in Einvernehmen mit dem
Schulinspektor festgesetzt werden. Dabei durften einmal begonnene
Ferien wegen Witterung nicht unterbrochen werden, ein klarer Hinweis
auf die damals noch sehr agrarisch strukturierte Gemeinde. Auch
durften nicht länger als 5 Wochen insgesamt schulfrei sein. Daher
mußte die sechste Woche der Sommerferien auch verteilt werden, und
zwar auf die Ferien der kirchlichen Festtage.
Weihnachtsferien mußten den 2. Januar umfassen; Pfingstferien mit dem
Pfingstsonnabend beginnen und mindestens bis Donnerstag nach Pfingsten
dauern. Die Schule durfte nicht am Samstag nach Pfingsten beginnen.
(GA 34-0 11.Nov.1904)
Die Ferien wurden in dieser Weise für Volksschulen in Ehrenbreitstein
und Pfaffendorf so festgelegt:
a. Osterferien: 14 Tage von Gründonnerstag bis Mittwoch nach dem
Weißen Sonntag.
b. Pfingstferien: 8 Tage von Pfingstsamstag bis Sonntag nach
Pfingsten.
c. Sommer- und Herbstferien: 35 Tage wie an den höheren Lehranstalten.
d. Weihnachtsferien: 13 Tage vom 24. Dezember bis 5 Januar. (GA 34-4-2
; 20. April 1905)
Offensichtlich war der Stundenausfall damals auch in den evangelischen
Zwergschulen recht beträchtlich, ein Problem, was sich bis heute durch
die gesamte Schulzeit zieht. Allerdings waren die Gründe für den
Ausfall damals andere als die heutigen. Krankheiten des Lehrers wurden
eher selten vertreten. Auch die Bedingungen, unter denen kranke Lehrer
unterrichten mußten, sind heute zum Teil nicht mehr nachvollziehbar:
"Ehrenbreitstein, den 11. Mai 1905:
Nach Mitteilung des Arztes, Herrn Dr. Becker, ist Herr Lehrer Maurer
wegen Erkrankung der rechten Hand bis nächste Woche ganz dienstunfähig
und von da ab etwa noch 5 Wochen zum Schreiben unfähig, so daß eine
Vertretung notwendig erscheint. Ich bitte ergebenst um
Verhaltensmaßregeln".
Pfarrer K. Lohmann, Ortsschulinspektor
An den Herrn Kreisschulinspektor zu Coblenz
"Coblenz, den 12. Mai 1905
mit dem Erwidern ergebenst zurückgereicht, daß, da eine Hilfskraft von
hier nicht überwiesen werden kann, nur erübrigt, den Unterricht in
dieser Woche ganz auszusetzen für die nächste Woche aber u., wenn
erforderlich, auch noch für längere Zeit, dem Lehrer die Erteilung des
Unterrichts ohne Benutzung der rechten Hand aufzugeben.
Dr. Kley, Reg.- u. Schulrat" (s. GA 34-4-2)
Der Unterricht des Herrn Maurer fiel nicht nur durch längere
Krankheiten aus, sondern auch durch andere Ereignisse: Beteiligungen
der Lehrer an der allgemeinen Vieh- und Obstbaumzählung oder durch die
regelmäßig angesetzten Impfungen in den Schulen.
Nicht zu zählen sind die Jubiläumsereignisse, insbesondere diejenigen
zur patriotischen Erbauung, an denen die Schülerinnen und Schüler
insbesondere der evangelischen Schulen immer wieder beteiligt waren,
ein Punkt, der später noch näher darzustellen ist, weil insbesondere
die evangelische Kirche ein inniges Verhältnis zum Hause Hohenzollern
besaß. (s. GA 34-0)
Aus den Erlassen werden noch andere Probleme erkennbar, die sich aber
in Pfaffendorf selber nicht direkt bestätigen lassen, von denen wir
aber vermuten können, daß in irgendeiner Form das eine oder andere
Problem auch dort aufgetaucht sein könnte:
Hingewiesen wurde "nachdrücklich" beim Turnunterricht, der 1905 für
die Mädchen eingeführt wurde, "...auf die nachdrückliche
Schädigung..., welche sich dem entwickelnden weiblichen Körper durch
einschnürende Kleidung zugeführt werde. Es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß der Zweck des Turnunterrichts bei solchen
Schülerinnen, welche im Korsett turnen, nicht erreicht werden kann, da
die ausgiebige und wirkungsvolle Ausführung der wichtigen Übungen,
insonderheit auch derjenigen Rumpfübungen hindert, welche der
Gesundheit besonders dienlich sind und eine freie, aufrechte, schöne
Körperhaltung fördern. Das Tragen einschnürender Kleidung beim Turnen
ist daher nicht zu dulden". (GA 34-0; 20. März 1905)
Interessant erscheint, welche langen Ausführungen gemacht wurden, um
die Kinder vor den modernen Verführungen zu bewahren bzw. sie dazu
anzuleiten, mit diesen gewissenhaft umzugehen. Es geht um die neuen
mit Schokolade, Zuckerwerk etc. gefüllten Automaten:
"Bekanntlich sind Klagen darüber laut geworden, daß die mit
Schokolade, Zuckerwerk etc. gefüllten Automaten nicht selten
Schulkinder zu Näscherei und Verschwendung, in einzelnen Fällen sogar
zu höchst bedauerlichen Ausschreitungen Anlaß gegeben haben. Die
angestellten Ermittlungen haben zu den ernsthaften Erwägungen der
beteiligten Behörden geführt und auch die Frage zur Erörterung
gebracht, ob auf die Beseitigung solcher Automaten hinzuwirken sein
möchte. Man hat jedoch von der Verfolgung dieses Gedankens Abstand
genommen. Es würde überhaupt nicht durchführbar sein, den Kindern alle
Versuchungen ersparen zu wollen, die das heutige Kulturleben als
unvermeidliche Folge seiner Entwicklung mit sich bringt. Vielmehr muß,
wie in vielen anderen Fällen, so auch hier die Erziehung angerufen und
dabei auf die Mitwirkung der Schule gerechnet werden.
Die königliche Regierung / Das königliche Provinzial-Schulkollegium
veranlasse ich durch Vermittlung der Kreisschulinspektoren die Lehrer
und Lehrerinnen Ihres/Seines Bezirkes auf die hier angesprochene
Gefahr und die in ihrer Bekämpfung gegebene verdienstliche Aufgabe
hinzuweisen. Die Lösung der letzteren setzt außer dem nötigen
Interesse vor allem erziehlichen Takt voraus. Wurde bei der
Besprechung im Unterricht ohne diesen verfahren, so ist zu besorgen,
daß das zu bekämpfende Übel verschlimmert wurde, indem aufeine
Verführung unnötig aufmerksam gemacht, oder dasjenige, was verhütet
werden soll durch die Wirkung eines ungeschickten Verbotes verlockend
gemacht wurde. Die Schule werde daher Belehrungen und Winke nur bei
dazu geeigneten Gelegenheiten anbringen dürfen, dagegen unausgesetzt
durch ihre Beobachtung wirksam sein müssen. Hierbei ist die
Beteiligung des Elternhauses in Anspruch zu nehmen." (GA 34-0 T.2 ; 9.
August 1903)
Die von der königlichen Regierung angeordnete umfassende Untersuchung
über "Lohnbeschäftigung von Schulkindern im Haushalt, Landwirtschaft
und deren Nebenbetrieben" (GA 34-0 19.Aug.1904) läßt auf intensive
Mißstände in diesem Bereich schließen. Für unsere Gemeinde haben wir
aber keine näheren Angaben.
Die am 11. August 1902 ergangene Anordnung der Königlichen Regierung
bezüglich des Schulläutens (GA 34-0) zeigt uns heute, daß auch die
Jahrhundertwende eine Zeit des technischen Umbruchs war. So wurden in
dieser Verfügung ausführlich verschiedene Meinungen generell zum
Schulläuten wiedergegeben. Einige wollten das Schulläuten ganz
abschaffen, da überall Turm- und Hausuhren vorhanden seien, außerdem
drängen die Glocken nicht in alle Bereiche des weiten Schulbezirkes
vor. Andere wiederum wollten das alte Brauchtum erhalten. Die
Regierung entschloß sich zu einem Mittelweg:
Das Schulläuten sei auf das Notwendige zu beschränken. Allerdings
wurden verschiedene Vorschriften hinzugefügt, um die immer wieder
vorkommenden Unfälle zu verhindern:
Nur ältere Schüler und nur unter Aufsicht des Lehrers oder besonders
vertrauenswürdiger Personen dürften läuten, auch sollten nur leichte
Glocken genommen werden. Die Sicherheit im Turm mußte ab und zu
überprüft werden. Auch die Versicherungsverträge mußten daraufhin
durchgesehen werden, ob sie Unfälle beim Glockenläuten mit einbezögen.
Ganz besonders leuchtet der patriotische Zeitgeist in der
evangelischen Chronik durch. Die naturgemäß besonders enge Verbindung
der evangelischen Kirche mit dem Hause Hohenzollern zeigte sich in
vielen Eintragungen von Lehrer Maurer. Zum jährlichen Geburtstag des
Kaisers am 27. Januar, im katholischen Tagebuch immer erwähnt, schrieb
Herr Maurer im Jahre 1897:
"Der Geburtstag unseres Kaisers wurde in festlicher Weise begangen.
Außer den Mitgliedern des Schulvorstandes waren noch mehrere Damen und
Herren anwesend. Die Feier bestand in einer Ansprache des Lehrers, in
dem Vortrage von Festliedern 11. in Deklamation passender Gedichte."
Der hundertste Geburtstag von Wilhelm I. am 22. März desselben Jahres
wurde - so Maurer- in ähnlicher Weise gefeiert.
"Im Anschlusse daran wurde im Beisein des Gemeinderates, des
Kriegervereins und vieler anderer Bürger auf dem zukünftigen
Schulplatz eine Kaisereiche gepflanzt. Herr Hauptlehrer Müller hielt
dabei eine kurze Ansprache über die Bedeutung der Eiche unter Hinweis
auf das Hohenzollernhaus, die mit einem Hoch auf den Kaiser schloß.
Zum Andenken an diese Feier und zur Erhöhung der Festrunde erhielten
die Schulkinder Brezeln."
Hauptlehrer Müller notierte im katholischen Tagebuch unter dem 22. und
23. März 1897:
"Geburtstagsfeier des Hochsel. Kaisers Wilh. d. Gr
(Verfügt durch M. Erlaß vom.....)"
Die Einweihung des Kaiserdenkmals am Deutschen Eck am 30. und 31.
August 1897 waren für Lehrer Maurer "große Festtage für die hiesige
Gegend", eine Notiz über dieses Ereignis fehlt in den katholischen
Tagebüchern. Das gleiche gilt für den Tod Bismarcks am Samstag, den
30. Juli 1898. Für Lehrer Maurer ist Fürst Bismarck "der größte
Staatsmann der Welt", Hauptlehrer Müller erwähnt auch dieses Ereignis
nicht.
Diese patriotische Begeisterung des Hauptlehrers Maurer durchzieht wie
ein roter Faden seine Aufzeichnungen, sei es die Beteiligung der
Schüler bei der Durchfahrt der Torpedoflotille (z.B. im April 1900),
sei es die Beschreibung des Einzugs des Kaisers mit seinen Truppen von
Urmitz her am 10. September 1905, Ereignisse, die sämtlich in den
katholischen Tagebüchern fehlen.
Der hundertjährige Gedenktag an die Schlacht bei Leipzig am 10. Juni
1913 fand in beiden Aufzeichnungen Erwähnung, aber mit
charakteristischem Unterschied. So schrieb Lehrer Maurer:
"Der 100jähr. Geburtstag der Schlacht bei Leipzig wurde auch in
unserer Gemeinde festlich begangen. Am 20. Oktober bewegte sich am
Nachmittag ein stattlicher Festzug - sämtliche Vereine u. Schulkinder
- durch den Ort, die Turner trugen die Gedenklinde, die auf dem "Hof"
zur Erinnerung an diesen Tag gepflanzt wurde. Pfarrer Dellwig von hier
hielt eine schwungvolle Weiherede. Am Abend fand im Hotel Kihlian ein
Festkommers statt, wobei Pfarrer Lohmann das Lebensbild Blüchers
vorführte".
Hauptlehrer Müller unter dem 18. Oktober 1913:
"Hundertjährige Gedenkfeier der Schlacht bei Leipzig."
Viele Übereinstimmungen weisen die Eintragungen der Kriegsjahre über
die Ereignisse auf, dennoch ist die Beschreibung wieder
charakteristisch unterschiedlich. Gerade bei Herrn Maurer schwingt die
Begeisterung über die "Opferwilligkeit und Hilfsbereitschaft unserer
Schüler..." mit, auch die Begeisterung über die raschen Siege wird
deutlich, an denen die Kinder regelmäßig schulfrei haben.
Nach 1916 zeigt sich auch hier in den Aufzeichnungen das Elend und die
Not des Kriegsalltags in Pfaffendorf: Es fehlt an Kohle, die Schule
muß deshalb geschlossen werden. Krankheiten, Vertretungen,
Schulausfall werden immer wieder beschrieben. Immer wieder mußten die
Kinder Sammlungen durchführen: Bargeld, Kriegsanleihen, Papier,
Altmaterial, Flaschen, Bucheckern, Obstkerne, Waldbeeren, Kastanien,
Laubheu. 60 bis 70 Kinder gingen täglich in die Kriegskinderküche, die
im alten Schulhaus eingerichtet worden war.
Die gemeinsame Laubheusuche katholischer und evangelischer Kinder
mußte im Sommer 1918 eingestellt werden, als die ersten Bomben auf
Pfaffendorf fielen, denen weitere folgten. Vom 26. November bis 13.
Januar 1919 mußte die Schule geschlossen werden.
Eine neue Zeit unter neuen politischen Vorzeichen begann auch für die
Schule in Pfaffendorf.
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