1899 - 1999
Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf aus Anlaß des 100. Jahrestages ihrer Gründung zum 1. Oktober 1899

 

Die evangelischen Schulen in der Evangelischen Kirchengemeinde Pfaffendorf
von Sigrid Wegner

3. Entwicklung der evangelischen Schulen innerhalb der evangelischen Gemeinde Pfaffendorf
                                                                                                                                               
3.1. Allgemeine Entwicklung der evangelischen Schulen

Die Situation der evangelischen Elementar- und Volksschulen (bzw. Hauptschulen) innerhalb der evangelischen Gemeinde Pfaffendorf ist einerseits durch die zeitgeschichtlichen Entwicklungen, andererseits durch die soziale Struktur der einzelnen Gemeinden maßgeblich geprägt worden. In der Kaiserzeit, dem 1. Weltkrieg und der Weimarer Republik bis in die Jahre des Nationalsozialismus bildete die Grundlage der Erziehung die jeweilige christliche Konfession. 1937 wurde generell die nationalsozialistische Gemeinschaftsschule eingeführt. Vorausgegangen ist dieser Aufhebung der Konfessionsschulen am 18.11.1937 die Eingemeindung der Bürgermeisterei Ehrenbreitstein nach Koblenz am 1.7.1937. Nach dem 2. Weltkrieg wird überall in Rheinland-Pfalz die Konfessionsschule wieder eingeführt. Aufgrund der Neugliederung des gesamten Schulsystems kommt es am 1. August 1969 überall zur Aufhebung der konfessionellen Volksschulen.
Damit haben auch die evangelischen Schulen in der evangelischen Kirchengemeinde Pfaffendorf ein Ende gefunden.
 

3.2. Einzelne Zeitabschnitte:
3.2.1. Kaiserzeit und 1. Weltkrieg (Pfaffendorf)

Während dieser Zeit spiegeln sich in den Akten und der Schulchronik vor allem die speziellen Probleme der evangelischen Schule wieder, aber auch die in dieser Zeit üblichen Schulkonflikte.
Wie in einem Brennpunkt wurde dabei der Geist der Kaiserzeit, des 1. Weltkrieges sowie der Weimarer Republik mit seiner düsteren Entwicklung in die nationalsozialistische Zeit eingefangen.
Besonders interessant ist die Pfaffendorfer Schule, weil wir von beiden Konfessionen detaillierte Aufzeichnungen haben, so daß die unterschiedliche Haltung der beiden Konfessionen zur "Ökumene", den schulischen Problemen, aber ganz besonders deutlich zu den politischen Ereignissen dieser Zeit zum Ausdruck kommt, wobei den Unterschieden der Persönlichkeiten der jeweils eintragenden Lehrer und Lehrerinnen selbstverständlich Rechnung getragen werden muß.
Vergleicht man die Aufzeichnungen der evangelischen Schule in der Kaiserzeit mit den Tagebüchern der katholischen Schule, so lassen sich einige bedeutsame Unterschiede feststellen.
So wurde in dem Tagebuch für die katholische Schule der Einzug der evangelischen Schule überhaupt nicht erwähnt. Die evangelische Schule taucht in diesem Tagebuch fast nirgends auf.
Die enge Beziehung der evangelischen Kirche zum Herrscherhaus läßt die patriotische Stimmung, aber auch die Probleme, die katholische Bürger mit dem protestantischen Kaiserpaar haben, deutlich werden. Insgesamt hat die evangelische Chronik einen ganz anderen Charakter. Sind die katholischen Tagebücher eher tabellarisch, eine eher nüchterne Wiedergabe der Ereignisse, wurde die Person des Lehrers Maurer durch seine Aufzeichnungen fast lebendig. Er macht aus seiner patriotischen Begeisterung, seiner Abneigung gegen die Liberalen keinen Hehl.
Auch wurden die Aufzeichnungen der katholischen Tagebücher systematisch und regelmäßig eingetragen, so wurde Kaisers Geburtstag am 27. Januar jedes Jahr erwähnt, während Lehrer Maurer gelegentlich einen Geburtstag besonders erwähnt und diesen dann auch ausführlich beschreibt. Selbstverständlich fanden die katholischen Feiertage und entsprechend die evangelischen Feste nur in der eigenen Chronik bzw. in den eigenen Tagebüchern eine besondere Erwähnung. Wir können hier in dieser Pfaffendorfer Schule also sehr anschaulich die Trennung der damaligen Gesellschaft durch die Konfessionen, verstärkt durch die politische Situation in der damaligen Rheinprovinz, wie in einem Brennglas beobachten.
Wenn wir jetzt zuerst das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen in der Pfaffendorfer Schule untersuchen, dann können wir davon ausgehen, daß dieses sicher schon durch die vorausgegangenen scharfen Auseinandersetzungen um die Wiedereinführung der Konfessionsschule stark belastet worden ist. Lehrer Maurer, der bereits seit 1877 als evangelischer Lehrer in Ehrenbreitstein tätig war, hat diese Auseinandersetzungen miterlebt. Er fühlte sich bereits vor Eröffnung des neuen Schulgebäudes von den katholischen Lehrern sehr benachteiligt:
"Am 1. November 1898 wurden die beiden Dienstwohnungen im neuen Schulhause von den beiden katholischen Lehrern, H. Hauptlehrer Müller u. H. Lehrer Schnitzler bezogen".
Trotz dreifachen rechtlichen Anspruchs auf eine Dienstwohnung (alleinstehend; an Dienstjahren der Älteste u. Gesetz) wurden die Wünsche des evangelischen Lehrers nicht berücksichtigt. Sie wurden trotz Petitionen des Lehrers u. des evangelischen Schulvorstandes an Regierung, Oberpräsident und Minister abgewiesen. Maurer: "Menschen und Wind ändern sich geschwind".
Es war das Werk des fast ganz katholischen, ultramontanen Gemeinderates. Um diese wohl als ungerecht empfundene Behandlung einigermaßen auszugleichen, bewilligte der Gemeinderat dem evangelischen Lehrer eine jährliche Mietzulage von 60 M. (Chronik der ev. Schule Pfaffendorf)
Das Schullokal, die Gaststätte Henker, in dem die evangelische Schule für die vier Jahre bis zum Einzug in das neue Schulgebäude untergebracht war, war sicher nicht der ideale Ort für den Schulunterricht. "Der Unterricht hatte öfters Störungen und Unterbrechungen zu erleiden. Außerdem war beim Eintritt der Kälte das Unterrichtslokal teils gar nicht, teils sehr mangelhaft geheizt, ja längere Zeit war überhaupt kein Ofen vorhanden."
(Chronik Schuljahr 97)
Zwar gab es auch gemeinsame Unternehmungen mit der katholischen Schule, wie zum Beispiel gemeinsame Ausflüge durch Ehrenbreitstein, durch das Bienhorntal zum Kratzkopferhof, doch kehrten die Evangelischen alleine ein und gingen den Heimweg auch allein.

Alle diese Streitereien trübten auch den Einzug in das neue Gebäude am 3. Januar 1899. So schreibt Lehrer Maurer in der Chronik:
"Am 3. Januar 1899 wurde das neue Schulhaus von den katholischen und der evangelischen Klasse bezogen. Eine feierliche Übergabe, wie das bei derartigen Gebäuden in der Regel zu sein pflegt, fand nicht statt. Nicht einmal ein Mitglied der Gemeindevertretung oder des Schulvorstandes war zugegen. So zogen wir in das neue Schulhaus ein - wie in das alte - ohne Sang und Klang, ohne Rede und Lied. Nur das Plätschern des unaufhörlich herabströmenden Regens war die eintönige und wenig erfreuliche Musik. Welches war der Grund des stillen Einzugs, des Fernbleibens, der Verstimmung?" 
Die beiden Schulen, die katholische und evangelische, arbeiteten strikt getrennt nebeneinander her im gemeinsamen Schulgebäude. Evangelische Schule hieß: Ein Klassenraum für alle Schuljahre. Noch heute erzählen ehemalige Schülerinnen und Schüler von den beiden Treppen in dem 1899 fertiggestellten Schulhaus. Links war die "evangelische" Treppe, rechts die "katholische". Der Schulraum für die Evangelischen war zunächst der Saal links, der auf die Straße hinaussah. Ab 1903 konnte Lehrer Maurer, wie er sich das immer gewünscht hatte, in dem auf den Rhein zu gelegenen Schulraum unterrichten. Jeder Unterricht war streng konfessionell, selbstverständlich mußte für den Handarbeitsunterricht der Mädchen von Anfang an eine evangelische Handarbeitslehrerin extra aus Koblenz nach Pfaffendorf kommen (Chronik S.3). Die Einklassigkeit der Schule brachte immer wieder Probleme mit sich, u.a. mußte oft der Halbtagsunterricht eingeführt werden, wenn die Schülerzahlen so stark angewachsen waren, daß sie nicht in einem Raum unterrichtet werden konnten. Auch die Zusammenarbeit mit den katholischen Lehrern geriet nur langsam in die Vorstellungwelt der beiden Konfessionen. Zwei Beispiele mögen diese Problematik illustrieren:
Eine längere Krankheit von Lehrer Maurer sowie die steigenden Schülerzahlen bewirkten, daß sich Schulinspektor Pfarrer Lohmann im Oktober 1903 um eine Hilfskraft für die Pfaffendorfer Schule bemühte. Dr. Kley als Schulrat machte ganz deutlich, daß im Moment keine Hilfskraft zur Verfügung stehe; daher müsse der Unterricht ausfallen.
"Sollte Maurer aber für längere Zeit dienstunfähig sein, so gebe ich Ihnen zu erwägen anheim, ob Sie sich vielleicht dazu entschließen möchten, der kgl. Regierung die Vorstellung zu unterbreiten, daß der kath. Lehrer Drohse die Verwaltung der evangelischen Schulklasse mit übernähme, was durch Einrichtung von Halbtagsunterricht möglich wäre. Auch für Ehrenbreitstein würde unter den obwaltenden Umständen auf die Einstellung einer Hilfskraft verzichtet werden müssen, selbst wenn die Mittel hierzu bereit lägen."
(GA Pfaffendorf 34-4-2, 18.Okt.1903)
Ebenso stellte die Einführung des Turnunterrichts für Mädchen die einklassige Pfaffendorfer Schule vor schier unlösbare Probleme. Eine Anfrage des Schulinspektors Lohmann: "So wünschenswert die Einrichtung des Turnunterrichts für Mädchen wäre, sehe ich z.Zt. keine Möglichkeit, doch führte vielleicht ein gemeinsames Arbeiten mit den Lehrkräften der katholischen Schule zum Ziele. K. Lohmann", beantwortet der Kreisschulinspektor Dr. Kley dahingehend, daß zunächst vom Turnunterricht an ein- und zweiklassigen Schulen abzusehen sei. "Dem in dem Schlußsatze angeregten Gedanken werde ich nach Ablauf meines Urlaubs nähertreten." (GA 34-4-2, 24. März 1905)
Im Jahre 1908 ist es aber schon möglich, daß die katholischen Kollegen die Schulaufsicht übernehmen, weil der etwas anfällige ältere Lehrer Maurer bei nassem und kaltem Wetter durch den Kreisschulinspektor Herrn Hermans von der Schulaufsicht entbunden wurde. Dies ist auch ein Hinweis darauf daß es in der evangelischen Schule Pfaffendorf - anders als z.B. in Horchheim oder Ehrenbreitstein - nie "konfessionell abgetrennte" Schulhöfe gab. (Chronik 1908)
Häufige Schwierigkeiten ergaben sich dadurch, daß Eltern fremder Kinder, sogenannter Forensen, beantragten, in die evangelische Schule zu Pfaffendorf gehen zu dürfen. Immer wieder wurde das aus Kostengründen verweigert. Diese Kinder sollten auf die einheimischen Schulen gehen, da in der Regel dort auch evangelischer Religionsunterricht erteilt wurde. Ein besonders drastischer Fall möge dieses illustrieren:
Der Provinzialsehulsekretär Kornau bemühte sich im März 1908 in einem intensiven Briefwechsel, seinen Sohn Rudolf weiterhin auch das 4. Schuljahr der evangelischen Schule in Pfaffendorf besuchen zu lassen. Seine Argumente, die Jahresfahrkarte für die Elektrische verfalle, die hohen Kosten für neue Bücher bei einem Wechsel, die Kontinuität des Unterrichts vor dem Wechsel zu einer weiterführenden Schule in Koblenz sowie der Hinweis, daß er das Schulgeld von 30 M jährlich bezahle, überzeugten offensichtlich die kgl. Regierung, dem Gesuch trotz mangelnder gesetzlicher Grundlage stattzugeben. "Die Unterstützung durch den Landrat bitte ich doch in geneigte Erwähnung zu ziehen, ob eine Ausnahme aus genannten Gründen nicht möglich ist" (GA 023-4, 21. März 1908), hat sicher ein gutes Teil zu der Genehmigung beigetragen.
Ein kleines Licht auf das soziale Umfeld der evangelischen Schüler in Pfaffendorf wirft der Aktenvorgang vom 22. November 1900 über das häufige Fehlen der auswärtigen Schüler. Die königliche Regierung schlägt vor, daß dem häufigen Fehlen der auswärtigen Schüler aufgrund der schlechten Witterungsbedingungen entgegengetreten werden sollte durch Anschaffung von Ersatzschuhzeug von Seiten der Elternschaft oder der Gemeinde. Lehrer Maurer schickt die Anfrage mit dem Bemerken zurück, daß die hiesige evangelische Schule nur von den auswärtigen Kindern besucht werde, deren Eltern wohl in der Lage sind, für die Beschaffung von Ersatzschuhzeug selbst zu sorgen. (GA 34-0)
Der Krieg brachte die beiden Konfessionen notgedrungen wieder stärker zusammen. So konnte 1917/ 18 der Handarbeitsunterricht für die evangelischen Schülerinnen von den katholischen Handarbeitslehrerinnen gegeben werden. Auch das in den letzten Kriegstagen und ersten Nachkriegswochen für die Schüler angeordnete Laubheusammeln (für die Bauern als Heuersatz, Wegner) führten die katholischen und evangelischen Kinder gemeinsam durch. Der Hinweis auf das gemeinsame Sammeln von Eicheln, Kastanien, Messing, Stanniol u.a. von evangelischen und katholischen Schülern fehlt in den katholischen Tagebüchern.
Die schulischen Probleme in dieser Zeit werden einerseits deutlich in den Aufzeichnungen des Lehrers Maurer, können aber indirekt auch aus den Anordnungen der verschiedenen Aufsichtsbehörden (Lokal- und Kreisschulinspektoren; Kgl. Regierung, Ministerium in Berlin) an die Schule erschlossen werden.
Dabei gibt es Probleme, die sicher bis heute spezifisch für Schulen sind, andere, die aus der damaligen Zeit entstanden sind. So wurde Disziplin, Ordnung und Reinlichkeit immer wieder angemahnt. Die Disziplin wurde zwar damals mit durchaus anderen Mitteln hergestellt als heute, doch auch die körperliche Züchtigung mußte sich in genau beschriebenen Grenzen halten.
"Überschreitungen oder unangemessene Anwendungen der dem Lehrer zustehenden Befugnisse haben auf eine milde Beurteilung bei mir nicht zu rechnen", so der Minister der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin. (GA 34-4-2, 19. Januar 1900).
Um diesem Überschreiten Einhalt zu bieten, mußte eine Liste angefertigt werden, in die der Lehrer nach jeder Stunde die vollzogene Züchtigung eintragen mußte. Diese Lösung scheint aber nicht auf Dauer effektiv gewesen zu sein, denn so heißt es 1919 in einem Protestschreiben der Eltern von Horchheim über den Religionslehrer Maurer:
"Wir Unterzeichneten fragen hiermit an, ob es nicht möglich wäre, den Religionsunterricht durch eine geeignetere Kraft als der Herr Lehrer Maurer ist, austeilen zu lassen. Nach allem Anschein scheint er ein jähzorniger Mensch zu sein, denn blau unterlaufene Körperteile sind bei den Kindern keine Seltenheit. Wir als Eltern der Kinder sind der Ansicht, daß die Kinder genug geschlagen sind". Falls die Lehrer sich nicht an die Vorschrift halten sollten, sollte ihnen das Züchtigungsrecht aberkannt werden.
Das Züchtigungsrecht gibt es heute nicht mehr, aber die Disziplinprobleme werden auch heute sicher nicht zur Zufriedenheit aller gelöst.
Ein weiteres Problem war und ist die Reinlichkeit im Schulgebäude. Die Voraussetzungen dafür sollten schulischerseits auf folgende Art und Weise hergestellt werden: Fußkratzer bzw. Roste sollten die Schuhe grob reinigen. Die Fußböden der Klassenräume sollten zweimal jährlich mit heißem Öl oder Teer getränkt werden. Täglich sollten die Fußböden mit Sägemehl oder Lohe naß ausgekehrt werden. Dabei durften ältere Kinder auf keinen Fall herangezogen werden.
Äußere Sauberkeit war und ist Grundvoraussetzung für das Fernhalten von Ungeziefer; Krankheiten und Seuchen. Zahlreiche Anordnungen zeigen die Notwendigkeit, regelmäßige Revisionen des Kreisarztes und Impfungen durchzuführen.
Stolz schreibt Lehrer Maurer das Ergebnis der Kreisarztrevision im Schuljahr 1905 in die Schulchronik: "Am 22. Mai wurde die Schule einer Revision durch den Kreisarzt auf Reinlichkeit unterworfen. Das Resultat war ein günstiges. Kein Kind wurde mit unsauberem Kopf gefunden, trotzdem wurden von 26 Mädchen nur 9 für ganz rein erklärt."
Schul- und Ferienzeiten sind bis heute immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Auch damals tauchten Probleme bei der Einteilung auf.
Der Schulunterricht fand normalerweise morgens zwischen 8 und 12 Uhr vormittags und 2 und 4 Uhr nachmittags statt, nur der Mittwoch- und Samstagnachmittag waren frei; dabei hatte die Oberklasse naturgemäß mehr Unterricht als die Unterklasse, die Jahrgänge 1 und 2.
Auf Antrag konnten die Schulvorstände auch andere Zeiten bewilligen, zum Beispiel morgens drei und nachmittags drei Stunden.
Bei den Ferien ging es vor allem darum, diese so zu gestalten, daß sie nicht nur den Erfordernissen der zum großen Teil in der Landwirtschaft mithelfenden Kinder gerecht wurden, sondern auch den schulischen Erfordernissen Rechnung trugen. So sollten in manchen Landgemeinden nicht 4 Wochen von den insgesamt 10 Wochen für die Ferien an den Festtagen genommen werden, sondern nur drei Wochen (Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen 21 Tage), die restlichen 7 Wochen durften für die Sommer- und Herbstferien genommen werden; in diese Ferien durften die örtlichen Festtage aber nicht einbezogen werden. Die Hauptferienwochen sollten regional möglichst gleich einsetzen. Es mußten mindestens drei Ferienblöcke sein. Es mußte genügend Zwischenraum dazwischen sein. Die Ferien durften nicht von den Schulvorständen, sondern mußten vom Landrat in Einvernehmen mit dem Schulinspektor festgesetzt werden. Dabei durften einmal begonnene Ferien wegen Witterung nicht unterbrochen werden, ein klarer Hinweis auf die damals noch sehr agrarisch strukturierte Gemeinde. Auch durften nicht länger als 5 Wochen insgesamt schulfrei sein. Daher mußte die sechste Woche der Sommerferien auch verteilt werden, und zwar auf die Ferien der kirchlichen Festtage.
Weihnachtsferien mußten den 2. Januar umfassen; Pfingstferien mit dem Pfingstsonnabend beginnen und mindestens bis Donnerstag nach Pfingsten dauern. Die Schule durfte nicht am Samstag nach Pfingsten beginnen. (GA 34-0 11.Nov.1904)
Die Ferien wurden in dieser Weise für Volksschulen in Ehrenbreitstein und Pfaffendorf so festgelegt:
a. Osterferien: 14 Tage von Gründonnerstag bis Mittwoch nach dem Weißen Sonntag.
b. Pfingstferien: 8 Tage von Pfingstsamstag bis Sonntag nach Pfingsten.
c. Sommer- und Herbstferien: 35 Tage wie an den höheren Lehranstalten.
d. Weihnachtsferien: 13 Tage vom 24. Dezember bis 5 Januar. (GA 34-4-2 ; 20. April 1905)

Offensichtlich war der Stundenausfall damals auch in den evangelischen Zwergschulen recht beträchtlich, ein Problem, was sich bis heute durch die gesamte Schulzeit zieht. Allerdings waren die Gründe für den Ausfall damals andere als die heutigen. Krankheiten des Lehrers wurden eher selten vertreten. Auch die Bedingungen, unter denen kranke Lehrer unterrichten mußten, sind heute zum Teil nicht mehr nachvollziehbar:
"Ehrenbreitstein, den 11. Mai 1905:
Nach Mitteilung des Arztes, Herrn Dr. Becker, ist Herr Lehrer Maurer wegen Erkrankung der rechten Hand bis nächste Woche ganz dienstunfähig und von da ab etwa noch 5 Wochen zum Schreiben unfähig, so daß eine Vertretung notwendig erscheint. Ich bitte ergebenst um Verhaltensmaßregeln".
Pfarrer K. Lohmann, Ortsschulinspektor
An den Herrn Kreisschulinspektor zu Coblenz
"Coblenz, den 12. Mai 1905
mit dem Erwidern ergebenst zurückgereicht, daß, da eine Hilfskraft von hier nicht überwiesen werden kann, nur erübrigt, den Unterricht in dieser Woche ganz auszusetzen für die nächste Woche aber u., wenn erforderlich, auch noch für längere Zeit, dem Lehrer die Erteilung des Unterrichts ohne Benutzung der rechten Hand aufzugeben.
Dr. Kley, Reg.- u. Schulrat" (s. GA 34-4-2)
Der Unterricht des Herrn Maurer fiel nicht nur durch längere Krankheiten aus, sondern auch durch andere Ereignisse: Beteiligungen der Lehrer an der allgemeinen Vieh- und Obstbaumzählung oder durch die regelmäßig angesetzten Impfungen in den Schulen.
Nicht zu zählen sind die Jubiläumsereignisse, insbesondere diejenigen zur patriotischen Erbauung, an denen die Schülerinnen und Schüler insbesondere der evangelischen Schulen immer wieder beteiligt waren, ein Punkt, der später noch näher darzustellen ist, weil insbesondere die evangelische Kirche ein inniges Verhältnis zum Hause Hohenzollern besaß. (s. GA 34-0)
Aus den Erlassen werden noch andere Probleme erkennbar, die sich aber in Pfaffendorf selber nicht direkt bestätigen lassen, von denen wir aber vermuten können, daß in irgendeiner Form das eine oder andere Problem auch dort aufgetaucht sein könnte:
Hingewiesen wurde "nachdrücklich" beim Turnunterricht, der 1905 für die Mädchen eingeführt wurde, "...auf die nachdrückliche Schädigung..., welche sich dem entwickelnden weiblichen Körper durch einschnürende Kleidung zugeführt werde. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Zweck des Turnunterrichts bei solchen Schülerinnen, welche im Korsett turnen, nicht erreicht werden kann, da die ausgiebige und wirkungsvolle Ausführung der wichtigen Übungen, insonderheit auch derjenigen Rumpfübungen hindert, welche der Gesundheit besonders dienlich sind und eine freie, aufrechte, schöne Körperhaltung fördern. Das Tragen einschnürender Kleidung beim Turnen ist daher nicht zu dulden". (GA 34-0; 20. März 1905)
Interessant erscheint, welche langen Ausführungen gemacht wurden, um die Kinder vor den modernen Verführungen zu bewahren bzw. sie dazu anzuleiten, mit diesen gewissenhaft umzugehen. Es geht um die neuen mit Schokolade, Zuckerwerk etc. gefüllten Automaten:
"Bekanntlich sind Klagen darüber laut geworden, daß die mit Schokolade, Zuckerwerk etc. gefüllten Automaten nicht selten Schulkinder zu Näscherei und Verschwendung, in einzelnen Fällen sogar zu höchst bedauerlichen Ausschreitungen Anlaß gegeben haben. Die angestellten Ermittlungen haben zu den ernsthaften Erwägungen der beteiligten Behörden geführt und auch die Frage zur Erörterung gebracht, ob auf die Beseitigung solcher Automaten hinzuwirken sein möchte. Man hat jedoch von der Verfolgung dieses Gedankens Abstand genommen. Es würde überhaupt nicht durchführbar sein, den Kindern alle Versuchungen ersparen zu wollen, die das heutige Kulturleben als unvermeidliche Folge seiner Entwicklung mit sich bringt. Vielmehr muß, wie in vielen anderen Fällen, so auch hier die Erziehung angerufen und dabei auf die Mitwirkung der Schule gerechnet werden.
Die königliche Regierung / Das königliche Provinzial-Schulkollegium veranlasse ich durch Vermittlung der Kreisschulinspektoren die Lehrer und Lehrerinnen Ihres/Seines Bezirkes auf die hier angesprochene Gefahr und die in ihrer Bekämpfung gegebene verdienstliche Aufgabe hinzuweisen. Die Lösung der letzteren setzt außer dem nötigen Interesse vor allem erziehlichen Takt voraus. Wurde bei der Besprechung im Unterricht ohne diesen verfahren, so ist zu besorgen, daß das zu bekämpfende Übel verschlimmert wurde, indem aufeine Verführung unnötig aufmerksam gemacht, oder dasjenige, was verhütet werden soll durch die Wirkung eines ungeschickten Verbotes verlockend gemacht wurde. Die Schule werde daher Belehrungen und Winke nur bei dazu geeigneten Gelegenheiten anbringen dürfen, dagegen unausgesetzt durch ihre Beobachtung wirksam sein müssen. Hierbei ist die Beteiligung des Elternhauses in Anspruch zu nehmen." (GA 34-0 T.2 ; 9. August 1903)
Die von der königlichen Regierung angeordnete umfassende Untersuchung über "Lohnbeschäftigung von Schulkindern im Haushalt, Landwirtschaft und deren Nebenbetrieben" (GA 34-0 19.Aug.1904) läßt auf intensive Mißstände in diesem Bereich schließen. Für unsere Gemeinde haben wir aber keine näheren Angaben.
Die am 11. August 1902 ergangene Anordnung der Königlichen Regierung bezüglich des Schulläutens (GA 34-0) zeigt uns heute, daß auch die Jahrhundertwende eine Zeit des technischen Umbruchs war. So wurden in dieser Verfügung ausführlich verschiedene Meinungen generell zum Schulläuten wiedergegeben. Einige wollten das Schulläuten ganz abschaffen, da überall Turm- und Hausuhren vorhanden seien, außerdem drängen die Glocken nicht in alle Bereiche des weiten Schulbezirkes vor. Andere wiederum wollten das alte Brauchtum erhalten. Die Regierung entschloß sich zu einem Mittelweg:
Das Schulläuten sei auf das Notwendige zu beschränken. Allerdings wurden verschiedene Vorschriften hinzugefügt, um die immer wieder vorkommenden Unfälle zu verhindern:
Nur ältere Schüler und nur unter Aufsicht des Lehrers oder besonders vertrauenswürdiger Personen dürften läuten, auch sollten nur leichte Glocken genommen werden. Die Sicherheit im Turm mußte ab und zu überprüft werden. Auch die Versicherungsverträge mußten daraufhin durchgesehen werden, ob sie Unfälle beim Glockenläuten mit einbezögen.
Ganz besonders leuchtet der patriotische Zeitgeist in der evangelischen Chronik durch. Die naturgemäß besonders enge Verbindung der evangelischen Kirche mit dem Hause Hohenzollern zeigte sich in vielen Eintragungen von Lehrer Maurer. Zum jährlichen Geburtstag des Kaisers am 27. Januar, im katholischen Tagebuch immer erwähnt, schrieb Herr Maurer im Jahre 1897:
"Der Geburtstag unseres Kaisers wurde in festlicher Weise begangen. Außer den Mitgliedern des Schulvorstandes waren noch mehrere Damen und Herren anwesend. Die Feier bestand in einer Ansprache des Lehrers, in dem Vortrage von Festliedern 11. in Deklamation passender Gedichte."
Der hundertste Geburtstag von Wilhelm I. am 22. März desselben Jahres wurde - so Maurer- in ähnlicher Weise gefeiert.
"Im Anschlusse daran wurde im Beisein des Gemeinderates, des Kriegervereins und vieler anderer Bürger auf dem zukünftigen Schulplatz eine Kaisereiche gepflanzt. Herr Hauptlehrer Müller hielt dabei eine kurze Ansprache über die Bedeutung der Eiche unter Hinweis auf das Hohenzollernhaus, die mit einem Hoch auf den Kaiser schloß. Zum Andenken an diese Feier und zur Erhöhung der Festrunde erhielten die Schulkinder Brezeln."
Hauptlehrer Müller notierte im katholischen Tagebuch unter dem 22. und 23. März 1897:
"Geburtstagsfeier des Hochsel. Kaisers Wilh. d. Gr
(Verfügt durch M. Erlaß vom.....)"
Die Einweihung des Kaiserdenkmals am Deutschen Eck am 30. und 31. August 1897 waren für Lehrer Maurer "große Festtage für die hiesige Gegend", eine Notiz über dieses Ereignis fehlt in den katholischen Tagebüchern. Das gleiche gilt für den Tod Bismarcks am Samstag, den 30. Juli 1898. Für Lehrer Maurer ist Fürst Bismarck "der größte Staatsmann der Welt", Hauptlehrer Müller erwähnt auch dieses Ereignis nicht.
Diese patriotische Begeisterung des Hauptlehrers Maurer durchzieht wie ein roter Faden seine Aufzeichnungen, sei es die Beteiligung der Schüler bei der Durchfahrt der Torpedoflotille (z.B. im April 1900), sei es die Beschreibung des Einzugs des Kaisers mit seinen Truppen von Urmitz her am 10. September 1905, Ereignisse, die sämtlich in den katholischen Tagebüchern fehlen.
Der hundertjährige Gedenktag an die Schlacht bei Leipzig am 10. Juni 1913 fand in beiden Aufzeichnungen Erwähnung, aber mit charakteristischem Unterschied. So schrieb Lehrer Maurer:
"Der 100jähr. Geburtstag der Schlacht bei Leipzig wurde auch in unserer Gemeinde festlich begangen. Am 20. Oktober bewegte sich am Nachmittag ein stattlicher Festzug - sämtliche Vereine u. Schulkinder - durch den Ort, die Turner trugen die Gedenklinde, die auf dem "Hof" zur Erinnerung an diesen Tag gepflanzt wurde. Pfarrer Dellwig von hier hielt eine schwungvolle Weiherede. Am Abend fand im Hotel Kihlian ein Festkommers statt, wobei Pfarrer Lohmann das Lebensbild Blüchers vorführte".
Hauptlehrer Müller unter dem 18. Oktober 1913:
"Hundertjährige Gedenkfeier der Schlacht bei Leipzig."
Viele Übereinstimmungen weisen die Eintragungen der Kriegsjahre über die Ereignisse auf, dennoch ist die Beschreibung wieder charakteristisch unterschiedlich. Gerade bei Herrn Maurer schwingt die Begeisterung über die "Opferwilligkeit und Hilfsbereitschaft unserer Schüler..." mit, auch die Begeisterung über die raschen Siege wird deutlich, an denen die Kinder regelmäßig schulfrei haben.
Nach 1916 zeigt sich auch hier in den Aufzeichnungen das Elend und die Not des Kriegsalltags in Pfaffendorf: Es fehlt an Kohle, die Schule muß deshalb geschlossen werden. Krankheiten, Vertretungen, Schulausfall werden immer wieder beschrieben. Immer wieder mußten die Kinder Sammlungen durchführen: Bargeld, Kriegsanleihen, Papier, Altmaterial, Flaschen, Bucheckern, Obstkerne, Waldbeeren, Kastanien, Laubheu. 60 bis 70 Kinder gingen täglich in die Kriegskinderküche, die im alten Schulhaus eingerichtet worden war.
Die gemeinsame Laubheusuche katholischer und evangelischer Kinder mußte im Sommer 1918 eingestellt werden, als die ersten Bomben auf Pfaffendorf fielen, denen weitere folgten. Vom 26. November bis 13. Januar 1919 mußte die Schule geschlossen werden.
Eine neue Zeit unter neuen politischen Vorzeichen begann auch für die Schule in Pfaffendorf.
 

 

 

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