1899 - 1999
Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf aus
Anlaß des 100. Jahrestages ihrer Gründung zum 1. Oktober 1899 |
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Die evangelische
Kirchengemeinde Pfaffendorf
Vorgeschichte und Anfänge bis zum Ende des Ersten Weltkrieges
von Dietmar Flach |
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H. Pfarrer Karl Lohmann |
Die Anfänge der Pfaffendorfer
evangelischen Gemeinde blieben Stückwerk ohne den Versuch, ihren
ersten Pfarrer, der sie von 1899 bis zu seinem Tod im Jahre 1932
geleitet hat, als Person wenigstens in Umrissen für seine ersten 20
Amtsjahre zu erkunden.
Karl Hermann Wilhelm LOHMANN wurde am 6. März 1869 in Frankfurt am
Main geboren, studierte in den Jahren 1889-1892 an den Universitäten
Göttingen und Bonn Theologie, legte 1893 das Predigerexamen (licentia
concionandi) und 1895 das zweite Examen (pro ministerio) ab und diente
in der Zwischenzeit 1893-1894 ein Jahr, zunächst beim Hessischen
Infanterieregiment Nr.82 in Göttingen, von dem er zum
Reserve-Sanitätskorps überschrieben wurde, das er als Unteroffizier
der Reserve verließ. Am 8. März 1896 erhielt er die Ordination zum
Hilfsprediger in Koblenz. Sein früher Lebenslauf verläuft im Rahmen
seiner Zeit geradlinig und läßt in dieser Geradlinigkeit Wesenszüge
erkennen, die auch den späteren Pfarrer kennzeichnen, ergänzt
vielleicht um Eigenwilligkeit in der Sache. In der Regel aber führte
er auf direktem Weg zu Ende, was er angefangen hatte.
Der Predigtspruch seiner feierlichen Amtseinführung vom 4. März 1900
aus dem zweiten Korintherbrief Kapitel 3 Vers 4-6 war wohl eine ganz
persönliche Botschaft an seine Gemeinde. Sie sollte wissen, mit wem
sie es zu tun hatte. Nach dem Luthertext, der wohl auch ihm vorgelegen
hatte, lautet er: "Ein solch Vertrauen aber haben wir durch Christum
zu Gott. Nicht, daß wir tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken
als von uns selber; sondern daß wir tüchtig sind, ist von Gott,
welcher auch uns tüchtig gemacht hat, das Amt zuführen des neuen
Testaments, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der
Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig."
Karl Lohmann war, der Eindruck bleibt uneingeschränkt zurück, ein
tüchtiger Mann. In den Nachweisen über die Amtsverrichtungen vom 8.
Januar 1900 verpflichtete er sich in neun Paragraphen zu
Gottesdiensten an Sonn- und Festtagen, zu Wochengottesdiensten und
Bibelstunden bei Bedarf zu sechs Abendmahlsfeiern am jeweils zweiten
Feiertag der drei großen Feste, am Karfreitag, Totensonntag und an
einem Sonntag in der Trinitatiszeit, zum Konfirmandenunterricht, zu
Haus- und Krankenbesuchen, wobei er gehalten war, wenigstens alle zwei
Jahre sämtliche Familien seiner Gemeinde einmal zu besuchen. Auch
übernahm er Taufen, Trauungen und Beerdigungen, Religionsunterricht in
der Volksschule und, soweit die Regierung es ihm übertrug, die
Ortsschulinspektion gewissermaßen als Minimalkatalog seines Amtes,
dessen Pflichterweiterung das Presbyterium sich vorbehielt, sobald die
Baumaßnahmen abgeschlossen sein würden. Dazu ist es, soweit erkennbar,
nicht gekommen, sobald Lohmann die Zügel selbst in die Hand genommen
hatte. Neben seinen pastoralen Funktionen aber war er in den zuvor
genannten sozialen Vereinen präsent, auch war er die
Gemeindeverwaltung in eigener Person. Die Akten zeugen von seiner
ausgeprägten Fähigkeit, konzeptionelle, geschäftliche, kalkulatorische
und selbst rechnungstechnische Arbeiten in großem Umfang pünktlich und
schnell zu erledigen, wenn er es für nötig hielt. Er konnte wohl
frühzeitig auf die Unterstützung des Presbyteriums zählen, aber die
Verwaltungslast und die Verantwortung trug er allein, insbesondere in
der Bauphase, und er trug sie scheinbar mühelos. Karl Lohmann
erscheint in seiner amtlichen Tätigkeit als korrekter Mensch,
zuverlässig, gesetzestreu und berechenbar. In Geldsachen korrekt bis
zur Pfennigfuchserei, war er dennoch kein Mensch des Buchstabens. Das
Ziel seiner Arbeit, seine eigentliche Aufgabe, stellte er über den
Paragraphen und verfolgte sein Ziel, wenn es sein mußte, auch unter
Umgehung desselben. Über bauaufsichtliche Bestimmungen konnte er,
sofern die Gemeinde nur warm saß, souverän hinweggehen und mit der
formalen Einhaltung der Berichtspflicht nahm er es nicht so genau,
wenn sie ihm als formale Erfüllung der Buchstabentreue überflüssig
erschien. Obwohl ihm als Hilfsprediger im rechtsrheinischen Teil der
Koblenzer Pfarrei eigene Vereinsarbeit verboten war, baute er den
Jungmänner-Verein im Stillen auf. Es ging ihm, wie man zu sagen
pflegt, stets um die Sache, und zweifellos kam dabei auch immer etwas
vom "Amt des neuen Testaments" herüber, das aus seiner Tüchtigkeit
lebendige Gemeinschaft hat werden lassen. In dieser Gemeinschaft sah
er sein Amt verankert, für dessen symbolhafte Wirkungsmöglichkeiten er
Gespür besaß. Daß er während der Feierlichkeiten zur Einweihung seiner
Kirche als erste pfarramtliche Handlung die Taufe gewählt und an
seinem eigenen Sohn vollzogen hatte, läßt etwas von der Lebendigkeit
des Geistes erkennen, die das junge Leben und die junge Gemeinde durch
sein Amt und seine Person gleichermaßen begleiten sollte. Zu dieser
Zeit konnte er sich der Wirkung sicher sein.
Wo diese Sicherheit fehlte, agierte er auch im Stillen. In die Hektik
des Winters 1899/1900 mit seiner Ausarbeitung der oben ausgeführten
Nachweise und mit deren Genehmigung und seiner Ernennung vom 26.
Januar 1900, in das Durcheinander um seine Einführung in den Tagen
zwischen dem 2. und 6. Februar 1900 ist ein Termin eingebettet, der im
amtlichen Schreibwerk der Pfaffendorfer Gemeinde nirgends belegt ist,
der auch beim Superintendenten in keinem Urlaubsgesuch auftaucht, nur
in Lohmanns dort verwahrten Personalbogen. Es ist der 5. Februar 1900,
sein Hochzeitstag. Zweifellos konnte er auch seine Person und ihr
engstes familiäres Umfeld aus dem amtlichen Getriebe heraushalten,
wenn er es für sinnvoll hielt.
Karl Lohmann besaß die Fähigkeit zum Vertrauen. Das läßt seine
amtliche Tätigkeit deutlich erkennen. In seiner Ernennungsurkunde, die
das Konsistorium ihm am 26. Januar 1900 ausgefertigt hatte, war er die
Verpflichtung eingegangen, "daß er seiner Majestät, unserm
allergnädigsten König und Herrn underthänig und ergeben sein (...)
werde", und er hatte nie den leisesten Zweifel daran erkennen lassen,
daß er sich als Kind seiner Zeit in diese Bindung gestellt sah und ihr
vertraute. Und diese, in die ganze Nation hinein erweiterte Bindung
erachtete er auch der göttlichen Hilfe für würdig. Seine Predigt zum
1. August 1915 anläßlich des Jahrgedächtnisses zum Kriegsbeginn
stellte er unter den 124. Psalm, der mit den Worten endet: "Unsere
Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat". Dank
dieser Hilfe, so führte er in seiner Predigt aus, hatte das deutsche
Volk im ersten Kriegsjahr den Haß der Feinde überlebt, hatten die
Deutschen ein neues Selbstverständnis im Kampf gewonnen und ihre
Einigkeit über die Parteien gestellt. Die Hilfe Gottes galt - seiner
durchaus zeitgemäßen Ansicht nach - dem Überlebenskampf des eigenen
Volkes, in dessen Dienst er sich mit seiner Gemeinde gestellt sah. Die
von ihm angeregten und geleiteten Aktivitäten bei der Betreuung der
Frontsoldaten aus der Gemeinde, bei der Unterstützung der
daheimgeblieben Familien, beim Gedenken an die Gefallenen aus der
Gemeinde und bei der Aufnahme durchziehender Truppenteile in die
Gottesdienste, die zu den Gedenktagen des Kriegsausbruches (1. August)
und zu Kaisers Geburtstag (27. Januar) besonders festlich begangen
wurden, waren durchaus patriotisch motiviert, konzentrierten sich aber
im Verlauf des Krieges zunehmend auf die Solidarität der verschont
Gebliebenen mit denen in der eigenen Gemeinde, die der Krieg spürbarer
getroffen hatte. Sein persönliches Engagement bei der Mitarbeit im "Arbeitsausschuß
des Roten Kreuzes für die Bürgermeisterei Ehrenbreitstein", der im
Gemeinderaum zusammentrat, und sein kriegsbedingter Einsatz als ein im
Sanitätsdienst kundiger Seelsorger im Festungslazarett und im
Reservelazarett in Ehrenbreitstein sowie im Genesungsheim in Arenberg,
sein Einspringen in der rechtsrheinischen Militärgemeinde und im
Koblenzer Gefängnis, dessen Pfarrer 1915 gefallen war, sind wohl nur
als Ausdruck uneingeschränkter Pflichterfüllung und grenzenlosen
Vertrauens in die täglich neue Verleihung der Gaben zur Führung des
Amtes nachvollziehbar. Gegen Kriegsende zog Lohmann sich, als seine
Kräfte nachzulassen begannen, aus einzelnen Bereichen der
Lazarettseelsorge zurück. Diese Entscheidung aber ist nirgends als
Folge eines geminderten Vertrauens erkennbar geworden.
Bestürzt erlebte Karl Lohmann das Ende dieser Ära, die Abdankung des
Kaisers und die Gefährdung der nationalen Identität, die das besetzte
Rheinland besonders zu spüren bekam. "Was das Ende des Unglücksjahres
1918 brachte, bleibt zeitlebens unserem Gedächtnis eingebrannt",
schreibt er in seiner Festschrift von 1924 und fährt fort: "Am 20.
Oktober war allgemeiner Landesbettag, am 9. November begann die
Revolution. Wochenlang zogen die heimkehrenden Truppen über die
Pfaffendorfer Brücke und an unserer Kirche vorbei, die meisten in
musterhafter Ordnung und Verfassung, und dann, als der letzte deutsche
Soldat ausrückte, wars uns, als fiele ein eisernes Tor zu; wir waren
Gefangene der einziehenden amerikanischen Besatzung".
Pfarrer Lohmann ist an dem Verlust seiner Königstreue nicht
gescheitert. Er nahm die neu gestellten Aufgaben an und hielt schon im
Jahre 1919 einen Vortrag zu dem Thema "Frauenrechte und
Frauenpflichten". Seinen Inhalt kennen wir nicht. Aber die von den
Frauen geleistete Männerarbeit in der gerade zu Ende gegangenen
Kriegswirtschaft und die seit 1919 einsetzende Demokratisierung des
öffentlichen Lebens mit seinem allgemeinen und gleichen Wahlrecht
hatte den Frauen ihre Plattform in der Öffentlichkeit bereitet,
besonders im kommunalen Bereich. Dieser neuen Herausforderung sich zu
stellen, war Lohmann ganz offensichtlich von Anfang an bereit. Mut und
Gottvertrauen, wie er es selbst nannte, sind die Grundpfeiler seiner
pastoralen Arbeit am Nächsten geblieben. |
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Festschrift
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