1899 - 1999 |
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Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf |
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Die evangelische Kirchengemeinde Pfaffendorf in der Zeit von 1918 bis 1945 |
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Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete
für die Evangelische Kirche im Rheinland und besonders auch für die
Evangelische Kirchengemeinde Pfaffendorf einen tiefen Einschnitt.
Vergegenwärtigen wir uns: Bis zur Französischen Revolution und der Zeit
Napoleons hatte es im Bereich unserer Gemeinde so gut wie keine
evangelischen Christen gegeben. Mit den Befreiungskriegen und der
Eingliederung des Rheinlands als Rheinprovinz in das protestantische
Preußen änderte sich das grundlegend. Vor allem mit dem Einzug der
preußischen Verwaltung - Koblenz wurde Provinzhauptstadt - und des
Militärs - Koblenz wurde Festung, der Ehrenbreitstein galt als das
Gibraltar des Nordens -kam eine erhebliche Zahl evangelischer Christen
nach Koblenz und in unsere Gemeinde. Zeitweilig galt die Rheinfront in
Pfaffendorf und Horchheim als ein besonders attraktives Wohngebiet für
höhere Beamte - und die waren meist evangelischen Bekenntnisses. Sowohl
die Beamten als auch die Soldaten - wenigstens soweit es das
Offizierscorps anging - fühlten sich in besonderer Weise dem preußischen
Königshaus, dem Haus Hohenzollern, verbunden. Der König war Ersatzbischof.
Wilhelm II. fühlte sich auch so und hat zum Beispiel für sich daraus das
Recht abgeleitet, im Gottesdienst die Predigt halten zu können. Auch die
Glieder unserer Gemeinde fühlten sich dem Kaiser eng verbunden. So
berichtet noch im Jahr 1924 Pfarrer Lohmann rückblickend: "Am 27. Januar
1916 wurde in unserer Kirche besonders feierlich Kaisers Geburtstag
begangen. 300 Soldaten nahmen an dem durch einen Bläserchor reich
ausgestalteten Festgottesdienste teil." Die Evangelischen empfanden sich
als unter dem besonderen Schutz des Königs - und später auch des Kaisers -
stehend. Mit der Abdankung von Wilhelm II. und seiner Emigration nach
Holland fiel dieser Schutz fort. Gewiß, den Evangelischen war sehr bewußt,
daß der Grund der Kirche nicht bei den Hohenzollern zu suchen war.
Schließlich glaubten sie nicht an den Kaiser oder König, sondern an Gott
und Jesus Christus. Die Floskel, die die Könige bei Erlassen verwandten
"Wir, von Gottes Gnaden König von Preußen", wurde weithin sehr ernst, ja
oft wörtlich genommen im Sinne einer göttlichen Stiftung, die der Mensch
nur im Ungehorsam gegen Gott außer Kraft setzen konnte. Das alles ist für
uns heute schwer nachvollziehbar, aber man muß es bedenken, will man
verstehen, in welches emotionale "Loch" viele Evangelische mit dem Ende
der Monarchie in Deutschland fielen. Es läßt auch eher nachempfinden,
warum sie ein solch reserviertes Verhältnis zur Weimarer Republik hatten
und meist so begeistert auf Hitler hereinfielen. Jedenfalls war die Frage
nach dem Verständnis der Kirche in der Gesellschaft und ihrer Stellung zum
Staat eine Frage, die unsere Gemeinde bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg
immer wieder beschäftigt hat. Zunächst aber ging es im Jahr 1918 darum, die zurückflutenden Soldaten zu versorgen. Das Rheinland mußte entmilitarisiert werden. Die Soldaten zogen über die Brücken aus dem Westen zurück. Viele Militäreinheiten hatten in Koblenz oder auf der rechten Rheinseite ihr Standquartier. Von hier wurden sie in ihre Heimat entlassen. Gar mancher mußte die Hilfe der Bürger und auch unserer Gemeindeglieder in Anspruch nehmen. Auch im Bereich unserer Gemeinde mußten zurückkehrende Soldaten in ihren Familien wieder Fuß fassen. Etwa 50 Gemeindeglieder waren im Krieg gefallen. Die Berufssoldaten hatten ihren Beruf verloren. Das Vermögen der Familien war vielfach aufgezehrt. Besatzungssoldaten kehrten ein. Bald schon verschlimmerte die Inflation die wirtschaftliche Lage der meisten Familien. Pfarrer Lohmann berichtet: "Am 20. Oktober war Landesbettag, am 9. November begann die Revolution. Wochenlang zogen die heimkehrenden Truppen über die Pfaffendorfer Brücke und an unserer Kirche vorbei, die meisten in musterhafter Ordnung und Verfassung, und dann, als der letzte deutsche Soldat ausrückte, war's uns, als fiele ein eisernes Tor zu; wir waren Gefangene der einziehenden amerikanischen Besatzung. Nun gab's wohl allmählich wieder Brot, aber es war Brot der Knechtschaft, bitter für jeden, dem Freiheit und Würde seines Volkes kostbare Güter bedeuten. An Stelle der leiblichen Not trat jetzt die schlimmere sittliche." Und in seinem Rückblick auf das Kirchenjahr 1918/1919 klagt er: "Dunkel wie vor unserm ganzen Volk liegt auch vor unserer evangelischen Kirche und unserer Gemeinde die Zukunft. Nur zwei helle Strahlen fallen in dies Dunkel, Richtung weisend und Mut weckend: der Glaube an die ewige Gottesgnade in Jesus Christus und das Pflichtbewußtsein, dessen Kraft sich mit Überwindung jedes Hindernisses steigert. Solange diese beiden Strahlen uns leuchten, ist uns um die Zukunft nicht bange." Was sollte die Gemeinde tun? Sie versuchte zu lindern, wo sie konnte. Sie organisierte Unterstützungsprogramme für Kinder aus bedürftigen Familien. Solange es die Gemeinde finanzieren konnte, wurden jedes Jahr Kinder aus diesen Familien zur Erholung in eine Ferienkolonie geschickt. Das Gemeindeleben erneuerte sich. Die unkonventionelle Art der Predigt von Pfarrer Lohmann zog nicht nur die Gemeindeglieder an, sondern auch Besucher aus dem linksrheinischen Koblenz. Zur Gemeinde zählen jetzt, im Jahr 1919, 1300 Gemeindeglieder. Im Pfarrhaus gegenüber der Kirche befand sich der Gemeindesaal, in dem die verschiedenen Vereine tagten, so der Jung-Männer-Verein, der Zweigverein des evangelischen Bundes, der Missions- und der Gustav-Adolf-Verein. Auch der Kirchenchor traf sich dort unter der Leitung des Lehrers Wildberger zu seinen Proben. Inzwischen verstärkten sich die Gottesdienste in Horchheim. Zunächst fanden sie im Mendelssohn-Stift statt, das die Familie Mendelssohn der Diakonissenanstalt Kaiserswerth überlassen hatte und das als Erholungsstätte für Diakonissen diente. Der Weg nach Pfaffendorf zur Kirche war für ältere Gemeindeglieder zu beschwerlich. Bald jedoch bot sich eine noch bessere Lösung an. In der zum Rhein hin sich erstreckenden Gartenanlage stand das Gartenhaus der Familie Mendelssohn, im Volksmund "die Synagoge" genannt. Dieses Gartenhaus war ein kleines bauliches Juwel, auch wenn es damals in seiner Bedeutung nicht erkannt worden ist. Es war von dem berühmten Koblenzer Baumeister von Lassaulx Anfang des vorigen Jahrhunderts errichtet worden. Er hatte dabei Schlußsteine des alten "Altenberger Hofes" verwandt, der einst dort gestanden hatte. Dieser Hof war einmal Eigentum des Klosters Altenberg im Bergischen Land gewesen. Er versorgte einst das Kloster mit dem damals sehr geschätzten Horchheimer Rotwein. Der Hof war inzwischen verfallen. Seine Steine dienten jetzt dem Neubau - und können noch heute in ihm bewundert werden. Nutzte die Familie Mendelssohn dieses Gebäude als Teehaus? Versammelten sich dort Logenbrüder? Hat Felix Mendelssohn Bartholdy dort bei seinen Besuchen in Horchheim einst geweilt und gar komponiert? Wir können es nicht genau sagen. Möglich ist es. Dieses Gebäude wurde jedenfalls von den Diakonissen nicht mehr genutzt. So wurde es unserer Gemeinde als Gottesdienststätte angeboten. Die Gemeinde kaufte es mit dem dazugehörenden Stück Land. Nach einem notwendigen Umbau wurde es als "Lutherkapelle" am 11. Juni 1922 seiner neuen Bestimmung übergeben. Von da an finden dort bis heute regelmäßig unsere Gottesdienste statt. Ein weiteres Ereignis aus dem Jahr 1922 muß erwähnt werden, ein Ereignis, das zunächst Routine zu sein schien und sich dann als unwahrscheinlich segensreich und prägend für unsere Gemeinde erweisen sollte: Die Berufung der Diakonisse Anna Schulze zur Gemeindeschwester. Immer wieder hatten Kaiserswerther Diakonissen, die dann im Mendelssohn-Stift wohnten, für einige Zeit Dienst in unserer Gemeinde getan. Es waren immer nur wenige Jahre gewesen. So war es wohl auch bei Schwester Anna gedacht gewesen. In einem ausführlichen Bericht von Pfarrer Lohmann über unsere Gemeinde steht nur der kurze Hinweis: "Kurz danach (gemeint ist die Einweihung der Lutherkapelle) hatten wir wieder eine Freude, die neue Gemeindeschwester Anna Schulze trat ihr Amt an; mit kurzer Unterbrechung konnte sie bis jetzt in hingebender Treue arbeiten und die Liebe der Gemeindegewinnen." Damals hätte niemand gedacht, daß Schwester Anna uns die Treue halten würde bis in ihr hohes Alter, und daß sie sogar ihren Lebensabend in unserer Gemeinde verbringen würde. Bis einige Tage vor ihrem Tod am 10. Dezember 1980 blieb sie bei uns. Sie gehörte einfach zu unserer Gemeinde. Pfarrer kamen, Pfarrer gingen, Schwester Anna blieb. Sie wurde so etwas wie der ruhende Pol in unserer Gemeinde. Ihr segensreiches Wirken war weit über die Grenzen unserer Gemeinde hinaus anerkannt. Wenn Schwester Anna auf der Straße die Hand hob, blieb sogar die Straßenbahn stehen, um sie einsteigen oder aussteigen zu lassen. Und das Erstaunliche: Niemand beschwerte sich, viele jedoch schmunzelten verständnisvoll. In der schweren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Gemeinde verwaist war, war Schwester Anna diejenige, die in unverrückbarer Treue ausharrte, bei der Bestattung der Toten zugegen war und die Neugeborenen taufte - und das oft, nachdem sie in der Nacht bei Sterbenden ausgeharrt hatte. Es war Scherz und Ernst zugleich, wenn die Menschen sie oft Sankt Anna nannten. Sie war es auch, die in einer Notsituation noch im hohen Alter die Leitung unseres Altenheimes in Horchheim übernahm und den Menschen dieses Hauses das Gefühl des Geborgenseins erhielt. Unsere Gemeinde verdankt ihr wie kaum einem anderen Menschen sehr viel. Das alles begann im Jahr 1922. In den darauffolgenden Jahren konsolidierte sich das Gemeindeleben. Die Inflation hinterließ ihre Spuren, auch die Weltwirtschaftskrise. Zeitweilig fehlte das Geld, um die Kirche im Winter regelmäßig zu beheizen. Dies konnte dann nur alle 14 Tage geschehen. Ganz unerwartet brachte das Jahr 1932 einen tiefen Einschnitt. Auch hier war zunächst nicht erkennbar, wie tief er sein würde. Zu Beginn des Jahres verstarb unerwartet Pfarrer Lohmann nach kurzer Krankheit. Seit seiner Hilfspredigerzeit im Jahr 1896 hatte er der Gemeinde treu gedient. So stellte Superintendent Keller die Trauerpredigt unter das Bibelwort: "Dafür halte uns jedermann, für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun suchet man nicht mehr an den Haushaltern, denn daß sie treu erfunden werden." Pfarrer Lohmann selbst hatte nicht lange vorher in Todesahnung als sein Bekenntnis ausgesprochen: "Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast." (1. Mose 32, 11). Die Achtung, die er sich erworben hatte, kam nicht zuletzt in der regen Beteiligung von Trauergästen auch aus der weiteren Umgebung zum Ausdruck. Pfarrer i. R. Appel, ein in Arenberg wohnender Ruhestandspfarrer, übernahm für einige Zeit die notwendigen Dienste. Gegen Ende des Jahres 1932 wurde ein neuer Pfarrer in unserer Gemeinde in sein Amt eingeführt: Heinrich Weinmann aus Seelscheid. Das Presbyterium hatte sich von drei Bewerbern, die ihm die Kirchenleitung vorgeschlagen hatte, mit großer Mehrheit für Herrn Weinmann entschieden. Über die Gründe kann nur gemutmaßt werden. Er war bei seiner Einführung 34 Jahre alt. Während seiner Zeit in Seelscheid hatte er sich als ein sehr engagierter Pfarrer gezeigt, der sich vor allem dadurch auszeichnete, daß er auch schwierige Zusammenhänge in - für die damalige Zeit - volkstümlicher Sprache den Menschen darlegen konnte. Er war aufgeschlossen, mit den Erkenntnissen der damaligen Zeit vertraut. Unter dem Titel ‚Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen' hatte er im Selbstverlag Schriften zur Bibel und zu modernen theologischen Fragen in - damals -gemeinverständlicher Sprache veröffentlicht. Wenn man seinen späteren Werdegang bedenkt, lohnt es sich, aus einer dieser Schriften folgendes Zitat anzuführen, das sich auf Heinrich Naumann bezieht, dessen Person in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung ist (Das Neue Testament Seite 31 / 32): "Heinrich Naumann schildert einmal eingehend ..... die Laufbahn eines eingebildeten Führers, eines ihm wohlbekannten Doktors der Wissenschaft: In seiner Jugend buhlte er mit schmeichlerischen Worten und Witzen um die Gunst des Volkes und verstand es meisterhaft, im Volke den Eindruck des großen "Volksbefreiers" zu erwecken. Erst baute man ihm Ehrenpforten, feierte zu seinen Ehrenjubelnde Feste, holte den jungen Menschen mit Ehrenjungfrauen und Musikchören am Bahnhof ab. Mädchen streuten ihm Blumen; man trug ihn auf den Schultern, machte ihn zum Abgeordneten, schrieb fettgedruckte Berichte über seine ,Führerheldentaten ,im Reichstag, und der ernst denkende Mann, der wie der Verfasser selber vor dem unsinnigen Treiben der Menschenvergötterung warnte oder ihm auch nur fernblieb, wurde als Feind der Partei vom Parteiblatt mit Hohn und Spott verfolgt, bis eines Tages das ganze Unternehmen jämmerlich zusammenbrach. Zerrüttete Familienverhältnisse, getrenntes Eheleben, völlige Verachtung seitens der einstigen Freunde folgten - und endlich das letzte erschütternde Erlebnis: Als der Verfasser 30 Jahre später in einem Bahnhofswartesaal seiner Heimatgegend trat und von einem Freunde mit Namen begrüßt wurde, erhob sich in der Ecke ein alter Mann von ganz heruntergekommenem Äußeren, in abgetragenen Kleidern und schmutziger Wäsche, mit aufgedunsenem Gesicht und triefenden Augen, wankte auf ihn zu und reichte ihm die welke zitternde Hand. ,Ich bin der Doktor - ich wollte meine alten Freunde noch einmal besuchen - ich bin verarmt - nur wenige wollen mich noch kennen - dürfte ich Sie um Hilfe bitten?'" Das veröffentlichte Pfarrer Weinmann im Jahr 1930 als warnendes Beispiel. Am 30. Januar 1933 begrüßte er die Machtergreifung des ,Führers' Adolf Hitler als Geschenk Gottes für das Deutsche Volk. Doch wir greifen den Ereignissen voraus. Am 4. September 1932 wurde Herr Weinmann als Pfarrer der Gemeinde eingeführt. Im Dezember 1932 waren Wahlen zur Gemeindevertretung. Zwei Listen standen zur Wahl, die "Liste Exner" (benannt nach dem Uhrmacher Exner aus Ehrenbreitstein, dessen Haus in der Hofstraße 264 noch steht, sein Namenszug ist noch immer an der Hauswand über dem ehemaligen Ladenlokal zu sehen), sie waren die "Unpolitischen", und die "Liste Kaiser" (benannt nach dem Regierungsinspektor Kaiser, der auch die Kassengeschäfte der Gemeinde leitete), sie waren die "Deutschen Christen" (1932 !!). Ob diese Liste etwas mit der Wahl von Pfarrer Weinmann zu tun hatte, läßt sich aus den Unterlagen nicht mehr feststellen. Noch konnte jedenfalls die Liste der "Unpolitischen" mehr Stimmen, nämlich acht, auf sich vereinen als die der "Deutschen Christen", die nur vier errangen. Wenige Wochen später aber, nach dem 30. Januar 1933, stellte sich Pfarrer Weinmann ganz in den Dienst der "Deutschen Christen". In seinem Bericht über das Jahr 1933 liest sich das so: "Das große Jahr der nationalen und sozialen Wiedergeburt unseres Volkes konnte an der evangelischen Kirche und Gemeinde, die so tief im Volksleben verwurzelt ist, unmöglich spurlos vorübergehen. Handelt es sich doch bei der nationalsozialistischen Volksbewegung nicht bloß um eine rein politische oder wirtschaftliche oder soziale Strömung, sondern um den elementaren Durchbruch einer deutsch-christlichen Volksbewegung, die das ganze Volksleben neuzugestalten beansprucht. Daß durch diese umwälzenden Ereignisse unsere evangelische Kirche viel stärker in Mitleidenschaft gezogen worden ist als die scheinbar völlig unberührt gebliebenen internationalen kirchlichen Gebilde, dessen haben wir uns nicht zu schämen, sondern darauf dürfen wir stolz sein. Kampf zeugt von Leben. Als Volkskirche wollen wir nicht über oder neben dem Volksstaate stehen, sondern in ihm leben und wirken mit dem ewigen Gotteswort, das uns zur Verkündigung anvertraut ist. Aus dieser klaren Erkenntnis heraus hat sich Presbyterium und Größere Gemeindevertretung einmütig dem Bund der Deutschen Christen angeschlossen." Über die Jugendarbeit der Gemeinde schrieb er lapidar: "Da die Zugehörigkeit unserer Gemeindejugend zu den NS-Jugendverbänden eine gleichzeitige Mitgliedschaft im evangelischen Jugendbund ausschloß, gaben wir unsere verbandsmäßige Jugendarbeit auf in der Hoffnung, daß die Reichskirchenleitung bald im Einvernehmen mit dem Reichsjugendführer eine völlige Neuregelung der Gemeindejugendarbeit treffen wird." Daß Pfarrer Weinmann mit diesen Entscheidungen auf den entschiedenen Widerstand vieler Gemeindeglieder stieß, läßt sein Jahresbericht 1934 erahnen, in dem wir lesen können (und es lohnt sich, den Beginn wörtlich zu zitieren): "Stand unser Gemeindeleben im vorhergehenden Jahr (gemeint ist das Jahr 1933) ganz im Zeichen der nationalsozialistischen Wiedergeburt unseres Volkes, so konnte es nicht ausbleiben, daß die Wühlarbeit der reaktionären Mächte, die ihren Schwerpunkt auf das religiöse Gebiet verlegt hatten, weil sie auf politischem Gebiet aussichtslos geworden war, unsere Gemeinde stark in Mitleidenschaft zog. Kleine Kreise heimlich, aber fieberhaft arbeitender Reaktionäre trugen durch Verbreitung gröbster Unwahrheiten - besonders über die nationalkirchliche Bewegung der Deutschen Christen, welche mit Punkt 24 des Nationalsozialistischen Programms vom positiven Christentum ganzen Ernst macht - starke Verwirrung in die Gemeinde. Um so erfreulicher gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Organen der nationalsozialistischen Volksbewegung. Als Kreisjugendpfarrer vollzog der Ortspfarrer die Eingliederung der evangelischen Jugend der Kreissynode Koblenz in die Volksjugend (gemeint ist die Hitlerjugend). Die Gemeindeschwester durfte mit der Pfarrfrau in den Volkswohlfahrts- und Winterhilfs-Ausschüssen mitwirken. Auf diese Weise konnte auch die Ev. Frauenhilfe im besten Einvernehmen mit den NS-Organisationen ihre Sammlung für die Innere Mission im April und ihr Jahresfest am 2. Advent durchführen. Als Angehöriger der SA-Reserve hatte der Ortspfarrer mehrfach Gelegenheit, bei der Hindenburg-Gedenkfeier am 9. November und bei der SA-Weihnachtsfeier vor kleineren und größeren Kameradenkreisen die Ansprache zu halten. In mehreren Gemeindebezirksabenden in Pfaffendorf Ehrenbreitstein, Horchheim, Niederberg und Urbar versuchte er, alle Gemeindeglieder über den christlich-nationalsozialistischen Charakter der Deutschen Christen aufzuklären. "Am 22. Januar 1935 urteilte Pfarrer Weinmann: Das Verhältnis zur NSDAP sowie zur SA-Reserve und dem Kyffhäuserbund ist vorzüglich." Zu den erwähnten "reaktionären" Kreisen in der Gemeinde gehörte übrigens auch der Sohn des vormaligen Pfarrers Lohmann, der zu der Zeit Theologie studierte und sich auch schriftlich heftig gegen die Lehren der "Deutschen Christen" zur Wehr setzte. Was aber wollten die ,Deutschen Christen'? Sie selbst formulierten es so (Wille und Ziel der Deutschen Christen, Nationalkirchliche Bewegung): "Die nationalkirchliche Bewegung ,Deutsche Christen' sieht in der Aufspaltung des deutschen Volkes in Religionsgemeinschaften, Konfessionen und Sekten eine Verleugnung Gottes, nach dessen Schöpferwillen alle Deutschen ein Volk sind... Ein Volk - ein Glaube .... Deutschland ist unsere Aufgabe, Christus ist unsere Kraft! ....... Die nationalkirchliche Bewegung ,Deutsche Christen' setzt sich ein für die Überwindung und Beseitigung alles jüdischen und fremdvölkischen Geistes in den kirchlichen Lehr- und Lebensformen und bekennt sich zum Deutschen Christentum als der artgemäßen Religion des deutschen Volkes. Christus ist nicht Vollender des Judentums, sondern sein Todfeind und Überwinder." Die Spannungen in der Gemeinde nahmen durch die Hinwendung des Pfarrers und des größeren Teils des Presbyteriums zu den Deutschen Christen zu. Presbyter traten wegen dieser deutsch-christlichen Einstellung aus dem Presbyterium aus. Wie sehr der Zeitgeist Einzug gehalten hatte, mag folgende Episode erhellen: Ein jüdischer Bürger aus Wiesbaden hatte in Erinnerung an seinen Vetter, der offensichtlich lange als Gleicher unter Gleichen in Pfaffendorf gelebt hatte, auch der Evangelischen Gemeinde die Summe von 1.000,-- RM vermacht. Nach der Kirchenordnung mußte dieses Vermächtnis vom Presbyterium durch einen Beschluß angenommen werden. Dies tat das Presbyterium zunächst mehrheitlich auch. Offensichtlich aber waren die Meinungen darüber sehr geteilt gewesen. Einer der Presbyter trat daraufhin aus dem Presbyterium aus. Seine Begründung: Ein Jude kann nur Böses im Schilde führen, weil er Jude ist. Also kann auch diese anscheinend gute Gabe nur eine böse Gabe sein, weil sie von einem Juden kommt. Schließlich hat dann das Presbyterium erneut verhandelt und die Annahme des Vermächtnisses abgelehnt. Die Summe wurde dem katholischen Pfarrer Delwing zur weiteren Verwendung zur Verfügung gestellt. Waren auch die Wünsche der evangelischen Bewohner des Hofes Besselich in Urbar, sich der Gemeinde in Vallendar anzuschließen, durch die deutsch-christliche Einstellung der Pfaffendorfer Gemeindeleitung verursacht? Das wird zwar in den entsprechenden Anträgen energisch bestritten, aber damit so hervorgehoben, daß sich der Verdacht einstellt, gerade dies sei einer der wichtigsten Gründe gewesen. Vor allem in Horchheim fand sich eine größere Zahl von Gemeindegliedern, die sich zur "Bekenntnisfront" hielten. Dabei mag die Gegenwart Kaiserswerther Diakonissen im Mendelssohn-Stift eine besondere Rolle gespielt haben. Der Bericht von Pfarrer Weinmann über das Jahr 1935 klingt jedenfalls nicht mehr so enthusiastisch wie der über das vorhergehende Jahr: "Auch im vergangenen Berichtsjahr litt das Gemeindeleben stark unter den religiösen Auseinandersetzungen der Zeit. Auf der einen Seite arbeitete die sog. Bekenntnisfront heimlich weiter und versuchte, sich vor allem in Horchheim einen Mittelpunkt im Mendelssohnstift zu verschaffen. Auf der anderen Seite führte das langsame Anwachsen der neuheidnischen Deutschen Glaubensbewegung (gemeint ist die Bewegung von Frau Mathilde Ludendorff) zu mehreren Kirchenaustritten. Vor allem aber bewirkte die Ungeklärtheit der religiös-kirchlichen Lage in unserem Volke die Abwendung weitester Kreise der Gemeinde vom kirchlichen Leben überhaupt." Trotzdem bleibt Pfarrer Weinmann bei der Beurteilung: "Die Zusammenarbeit mit den Organen des politischen Gemeinwesens und der sie tragenden nationalsozialistischen Volksbewegung gestaltete sich auch weiterhin - bei der rückhaltlos positiven Einstellung der Gemeindeleitung zum Dritten Reiche - vorzüglich." Im Januar 1937 berichtet Pfarrer Weinmann vom Anwachsen der Glaubensbewegung der "Deutschen Christen". Gleichzeitig teilt er mit, daß er oft von Anhängern dieser Richtung zu Amtshandlungen nach auswärts gerufen wird, während eine Anzahl von Gemeindegliedern, die sich der "Bekennenden Kirche" verbunden fühlen, die Dienste auswärtiger Pfarrer in Anspruch nehmen. Das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche wird als "äußerlich höflich - innerlich gespannt" beschrieben. Es ist der letzte noch verfügbare Bericht. In den folgenden Jahren wandte sich Pfarrer Weinmann immer stärker seiner Arbeit bei den Deutschen Christen zu. Sie brachte ihm nicht nur Freude. Oft fühlte er sich übergangen und ausgetrickst. Doch er stand treu zur Bewegung, arbeitete sogar in der Zentrale in Thüringen mit an der Gestaltung eines eigenen Gesangbuches. Auch mit den Parteiorganen hatte er Ärger. Konfirmanden wurden von Hitlerjungen belästigt. 1938 beschwert er sich beim Gauleiter - übrigens mit der vertraulich klingenden Anrede: "Mein Gauleiter". In diesem Zusammenhang charakterisiert er die Zielsetzung seines Konfirmandenunterrichts mit folgenden Worten: "Obwohl ich wie mein Kamerad Pfr Wolfrum in meinem Pfarrunterricht nichts Jüdisches behandle, sondern die jungen deutschen Menschen von der nationalsozialistischen Weltanschauung aus an die letzten Fragen heranzuführen mich bemühe..." Zugleich erfahren wir in diesem Brief, daß Pfarrer Weinmann im ersten Weltkrieg als Soldat im Westen gewesen war und 1919 freiwillig gegen die Spartakisten in Stuttgart, Augsburg und München gekämpft hatte. Über seine Einstellung zum Nationalsozialismus lesen wir: "Ebenso habe ich mich... als Parteigenosse stets bemüht, den Aufgaben des Nationalsozialismus in meinem Pfarramt gerecht zu werden und mir dabei die Gegnerschaft aller politischen Gegner unserer Partei zugezogen." Und weiter: "Wir, die wir unsere ganze Lebensaufgabe darin sehen, das, was Christus wirklich gewollt hat, mit der nationalsozialistischen Weltanschauung organisch zu wirklichem Dienst an der Seele des Volkes zu verbinden..." Es sind für ihn - so scheint es wenigstens - nicht nur Lippenbekenntnisse. Er steht hinter dem, was er sagt. Als sich für ihn im Zusammenhang der Sudetenkrise die Möglichkeit eröffnete, vom Wehrdienst befreit zu werden, bat er darum, dies nicht zu tun. Auch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges verzichtete er auf die Freistellung und ging als Soldat zur Wehrmacht. Dort jedoch erkrankte er und wurde nach einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen vom Wehrdienst freigestellt. Dabei ist es dann auch geblieben. Die Spannungen in der Gemeinde nahmen wie in der ganzen Kirche zu. Während Pfarrer Weinmann sich um Angehörige der Deutschen Christen kümmerte - sie nannten ihre Gottesdienste oft nicht mehr Gottesdienste, sondern Gottesfeier - sammelten sich in Horchheim Gemeindeglieder der Bekennenden Kirche, die Pfarrer Winterberg aus Koblenz betreute. Pfarrer Weinmann und Pfarrer Winterberg fanden ein Abkommen, nach dem Pfarrer Weinmann Zusammenkünfte der Deutschen Christen in Gemeinderäumen in Metternich halten konnte, während Pfarrer Winterberg im Erdgeschoß der Lutherkirche - das Mendessohnstift war zwischenzeitlich von der Diakonissenanstalt Kaiserswerth verkauft worden - in Horchheim Gottesdienste mit Angehörigen der Bekennenden Kirche feiern durfte. So ist es wohl auch bis zum Ende des Krieges geblieben. Der Zweite Weltkrieg brachte tiefe Einschnitte. Eine immer größere Zahl von Männern wurde eingezogen. Auch Pfarrer Weinmann wurde, wie schon berichtet, Soldat und als Kriegspfarrer eingesetzt, nach einem Jahr aber aus Gesundheitsgründen entlassen und auch bis zum Ende des Krieges nicht erneut einberufen. Er versuchte, mit Soldaten, die an der Front waren, Kontakt aufrecht zu erhalten. Dabei war ihm ganz offensichtlich daran gelegen, den Kampfes- und Siegeswillen der Soldaten zu stärken. In einem Brief, dessen Durchschrift erhalten ist und der nach den Zeitangaben auf Ende 1943 zu datieren ist, können wir lesen: "Und wenn ich zur Zeit aus Gesundheitsgründen militärisch nur noch arbeitsverwendungsfähig geschrieben bin, so möchte ich wenigstens im Herzen in gleichem Schritt und Tritt mit dabeisein, wo der Herrgott sich dem Frontsoldaten im höchsten Gottesdienst des Opfers immer tiefer erschließt, wie mich Ihr lieber Brief miterleben ließ ... Nun ist ja die Zeit der schwersten Bewährung gekommen, vor allem durch den Verrat Italiens, und wir wissen nicht, ob der Tiefpunkt schon erreicht ist. Entscheidend aber ist in dieser Bewährung allein, was wir alle in unserem Volk gläubig aus unserem Schicksal machen. Wo die ängstlich am Ufer des Schicksalstromes Abwartenden und die innerlich dem Neuwerden unserer Zeit feindlich und mißtrauisch, ja schadenfroh, Gegenüberstehenden nur klagen, unken, meckern können, da schaut der Glaube, der sich dem Strom anvertraut hat, den lebendigen Gott am Werk; der mit uns durch das Kreuz in den Sieg des Lebens schreitet. Wer da meint, daß der Führer sich die Initiative aus den Händen habe reißen lassen und daß sich nun das Geschehen vor 25 Jahren (gemeint ist das Ende des Ersten Weltkriegs) wiederholen werde, kennt weder den Führer noch den Gott, der hinter ihm steht. Wie sehr er auch heute noch den Feind zu überraschen weiß, hat er erst jetzt durch die Befreiung des Duce bewiesen. Aber das verstehen nur Menschen, die selber in tiefster Seele treu sind. Und treu sein heißt deutsch sein. Er wird uns noch größere Überraschungen erleben lassen, wenn seine Stunde gekommen ist, d.h. die Stunde, die er immer mit nachtwandlerischer Sicherheit als Gottes Stunde zu erfahren und fruchtbar auszuwerten weiß. Denn das ist ja das Adelszeichen des einmaligen, gottgesandten Genies, daß es aus den menschlichen Verlegenheiten immer wieder die großen Gottesgelegenheiten zu gewinnen vermag, jür die die kleinen, glaubenslosen Biertischkritikaster hoffnungslos blind sind und doch wird uns gerade die jetzige Herbstzeit.. zur sicheren Verheißung, daß sie (die Gefallenen) nicht umsonst gefallen sind, sondern daß sie unter uns lebendig weiterwirken als die heiligen Mahner des ewigen Deutschland, an dem der unerforschliche Gott unaufhörlich in der Stille weiterbaut und vor dem wir alle uns einmal über unsere Pflichterfüllung verantworten müssen. Erst von diesem letzten Ziel des Lebens her bekommt ja alles seinen Sinn. Darum wollen wir uns auch weiterhin lieber zu Tode hoffen, als in Unglauben verloren gehen." Auf der anderen Seite mußte Pfarrer Weinmann auch Enttäuschungen hinnehmen. So schrieb ihm am 17.5.42 ein Oberleutnant aus dem Felde: "Meine Frau N.N. Pfaffendorf Emserstrasse. schrieb mir heute, dass sie beabsichtige meine Tochter N.N. geboren konfirmieren zu lassen. Als Vater des Kindes verbiete ich sowohl die Teilnahme meiner Tochter an dem entsprechenden Unterricht als auch die Konfirmation meiner Tochter Heil Hitler ! N.N. Oberleutnant." Aus einem anderen Brief erfahren wir etwas über die vielfältige Tätigkeit von Pfarrer Weinmann in dieser Zeit: Er mußte deutsch-christliche Gruppen in einem weiten Umkreis betreuen. Er berichtet: "Es gilt ja nicht nur die deutsch-christliche Kameradschaft im ganzen Gaugebiet rheinaufwärts (Mosel-Hunsrück-Nahe- Glan-Gebiet) kirchlich zu versorgen - auch die Mitarbeit im 'Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses im deutschen kirchlichen Leben' erfordert immer neue Inangriffnahme von Aufgaben..." Daß zu dieser Betreuung nicht nur Taufen, Trauungen und Beerdigungen gehörten, zeigt folgender Vorfall: In der Gemeinde in Bad Kreuznach hatte ein deutsch-christlicher Presbyter nach einem Streit mit dem Superintendenten aus Protest sein Amt niedergelegt. Pfarrer Weinmann schreibt ihm als Geschäftsführer der Landesgemeinde Moselland der Deutschen Christen: "Da Sie als Vertreter der Deutschen Christen dem Presbyterium der Ev. Gemeinde Bad Kreuznach angehören, verbiete ich Ihnen vorerst, Ihr Presbyteramt niederzulegen, bis Kd. Wippermann entschieden hat. Werden Sie gefragt vom Superintendenten oder Presbyterium, was Sie tun wollen, so antworten sie mündlich (nicht schriftlich!), daß sie als Vertreter der Deutschen Christen im Presbyterium nicht von sich aus entscheiden könnten, sondern nach dem bei uns herrschenden Führerprinzip' warten müßten, bis der am schlimmsten Beleidigte, nämlich der im Felde stehende Pfarrer Dr Wippermann, darüber entschieden habe." Neben all diesen Tätigkeiten widmete Pfarrer Weinmann sich auch einer regen Vortragsarbeit. Am 8.7.42 hält er einen Vortrag unter dem Thema: "Die Christusfrage, aus dem deutschen Erwachen heraus neu gestellt." Darin fragt er u.a.: "Fällt mit dem deutschen Sieg über das konfessionelle Christentum (vor allem über das anglikanische-kalvinistische und römisch-orientalische Judenchristentum) Christus selber - oder sinkt damit nur die jüdisch-reaktionäre Vergiftung und Entartung der in Christus aufgebrochenen Gottesbewegung ins Grab? Sind wir mit der neuen Gottesbegegnung im ,Volk' über Christus hinausgewachsen - oder erleben wir im Wunder der Volkwerdung eine neue Menschwerdung des Gottes Jesu Christi? Können wir auch ohne Christus in Gott verwurzelt unsere deutsche Sendung erfüllen - oder brauchen wir dazu Augen, die überall Christus lebendig am Werke sehen? Haben die deutschen Lebensmächte, die wir als ,Sieg des Glaubens" als ,Gnade Gottes, die sich uns wieder zugewandt hat,' als ,deutsche Osterauferstehung und Pfingstwiedergeburt,' als ,ewiges Reich - Ewiges Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes grüßen, ihr selbständiges Eigenleben - oder stehen und fallen sie, wirklich ernst genommen, mit unserer lebendigen Christusverbundenheit..?" Er kommt schließlich zu dem Ergebnis: "Es muß deutschen Christen auch nach der religiösen Neuordnung, die wir erwarten, die Freiheit gewahrt bleiben, auf alle Art und Weise, die der Gottesschau und dem Gewissen des arischen Menschen und unserer Zeitenwende entspricht, Christus als die bleibende strahlende Gottessonne des Menschenherzens, als inneres Lebenslicht der Gottestreue, die uns neu im deutschen Frühling aufgegangen ist und die am Werke ist zu künden und schaubar zu machen. Auch wir wollen ja gerade nicht zurück zu Christus, d.h. dem historischen Christus und den Dogmen, die den Menschen beweisen wollen, was durch Christus ein für allemal geschehen ist, sondern wollen vorwärts in der Kraft des lebendigen Christus und alles dessen, was von Gott durch ihn an uns geschehen will..." Und folgender Satz mag mit seinen Wortungetümen zeigen, zu welch bizarren Vorstellungen deutsch-christliches Denken fähig war: "Wir dürfen nicht verkennen, daß eben viele, gerade arische Menschen genau so wie der sächsische Helianddichter durch das aufgezwungene Kirchensystem hindurch und durch alle jüdisch-orientalisch-dogmatisch-sakramentarische Verzerrung hindurch mit ihrem frommen deutschen Glaubensblick den Lichthelden Gottes erschauen." Was aber sah Pfarrer Weinmann als Wesensmerkmale seines Glaubens an? Dies wird in einem Brief deutlich, den er im Februar 1942 an einen Soldaten schrieb, der - aus welchen Gründen auch immer - in der römisch-katholischen Kirche kein Zuhause mehr hatte und sich mit dem Gedanken trug, der evangelischen Kirche - und nun gar ihrer deutsch-christlichen Richtung - beizutreten. So schreibt Pfarrer Weinmann: "...ein deutscher Mann, der alles im Gehorsam gegen Gott für sein Volk und seine Heimat einsetzt, hat auch ein Recht auf Heimat in einer deutschen Kirche." Und als Charakteristikum des Evangelischseins stellt er heraus: "Bei uns trägt jeder für sein Leben selber die Verantwortung. Damit er aber dazu immer neue Kraft bekommt, versammeln wir uns immer wieder in unseren Gottesfeiern, wie in Abendmahl, Taufe usw., um Gott, der uns in Christus die Gewißheit gibt, daß seine Treue uns trägt und hält in Freud und Leid. Leben und Sterben, und daß keine Macht der Welt, weder Schicksal noch Schuld, weder äußere noch innere Not uns von ihm und voneinander trennen kann, wenn wir selber ihm vertrauen und einander Treue halten. Beim Glauben kommt es nicht darauf an, was einer alles glaubt, sondern daß er seinen Glauben im Kampf mit allen Nöten des Lebens und in Kameradschaft, Opfersinn, Treue und Pflichterfüllung bewährt. Das allein ist positives Christentum." Hätte die gut evangelische Erkenntnis, daß Gottes Treue zu seinen geliebten Menschen Grundlage des Lebens ist, Pfarrer Weinmann nicht zu der Einsicht führen müssen, daß diese Treue Gottes auch dem jüdischen Volk gilt, und zwar für alle Zeit? Lag nicht der wirkliche Fehler darin, daß der wahre Grund evangelischen Glaubens- und Menschenverständnisses verlassen war, nach dem die Basis für einen vertrauensvollen, einen "richtigen" Weg in die Zukunft - in traditioneller Sprache der Weg zum Heil - nur das Vertrauen auf das gnädige Handeln Gottes sein kann und niemals im Tun des Menschen, eben "im Kampf mit allen Nöten des Lebens und in Kameradschaft, Opfersinn, Treue und Pflichterfüllung", gegründet ist? War nicht wieder an die Stelle des Vertrauens auf Gott das Vertrauen auf den Menschen getreten, seine Rassenzugehörigkeit, sein vermeintlich "edles" Tun? Und dann stellte sich dieses vermeintlich "edle" Tun auch noch als zutiefst unmenschlich und verbrecherisch heraus. Genug. Der Krieg nahm seinen Lauf. Die Front rückte nach der Invasion der Alliierten näher. Im Herbst 1944 verließ ein Großteil unserer Gemeinde ihre Heimat und suchte Schutz in Thüringen. Unter ihnen war auch Pfarrer Weinmann. Sein letzter Eintrag stammt - soweit zur Zeit ersichtlich - vom Oktober 1944. Die Gemeinde hier war verwaist. Bei den Menschen in Pfaffendorf blieb Schwester Anna. Sie versah die notwendigen Dienste. Sie blieb auch hier, als die Amerikaner das rechtsrheinische Koblenz und später das Gebiet unserer Gemeinde besetzten. Durch ihr Ausharren und ihre Treue erleichterte sie später den Neuanfang. Pfarrer Weinmann kam - wen wundert es - nach dem Krieg und nach dem Ende der Nazizeit nicht mehr in unsere Gemeinde zurück. Er blieb zunächst in Apfelstädt in Thüringen, wechselte aber später in die Bundesrepublik und wurde schließlich Krankenhauspfarrer in Stuttgart. Eine dunkle Zeit hatte ihr Ende gefunden. Die äußeren Schäden waren nicht die schlimmsten: Kirche Pfaffendorf und Lutherkirche Horchheim waren beschädigt, das Pfarrhaus mit dem Gemeindesaal zerstört. Die meisten Gemeindeglieder hatten die Gemeinde verlassen müssen, viele waren gestorben. Schwer lastete die Ungewißheit über das Schicksal der eingezogenen Männer. Viele waren gefallen oder vermißt. Dazu kam der geistliche Schaden. Die Botschaft Jesu war weitgehend verraten worden. Gerade er, der die Grenzen zwischen den Menschen überwunden hatte, gerade er, der mit seinem ganzen Leben, der vor allem mit seinem Leiden gezeigt hatte, daß vor Gott nicht die Unterschiede zählen, die Menschen so gerne machen und auf die sie oft so stolz sind, sondern einzig und allein die unwandelbare Treue Gottes und seine Güte und Gnade, gerade er war mißbraucht worden, um vermeintliche rassische Unterschiede zu Wertmaßstäben zu machen. Es mußte ein Neuanfang gesucht werden, ein Neuanfang, der das Hören auf Gottes Botschaft wieder in den Mittelpunkt stellte, ein Hören, das dann auch zu einer Antwort führen könnte auf die Frage, die der Gemeinde nach dem Ersten Weltkrieg gestellt war: Wie kann eine christliche Gemeinde in Treue zu der ihr anvertrauten Botschaft des Evangeliums ihren Dienst in der Gesellschaft wahrnehmen? Waren die Antworten, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, besser? |
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